Das digitale Schlachtfeld

Als der Wecker klingelte, hatte Manfred die Augen schon offen. Vor einiger Zeit war er noch ein Langschläfer, aber seit gut zwei Jahren dauerte seine Nachtruhe selten länger als fünf Stunden. Er konnte es sich einfach nicht leisten, irgendetwas zu verpassen. Jede Minute zählte – für ihn und für die Sache.

Ohne einen Blick darauf zu werfen, schaltete er den klirrenden Schlafstopper ab und ging ins Badezimmer. Während des Zähneputzens brachte er sich mit dem Radio auf den aktuellen Stand der Dinge. Es wurde über Themen berichtet, die er schon gestern recherchiert hatte. Irgendein Politiker sagte etwas zum schlechten Zustand der Straßen, ein Promipaar hatte sich getrennt, eine Messe verzeichnete einen Besucherrekord. Und plötzlich seine drei Reizworte in einem Satz: Angela Merkel trifft Flüchtlinge.

Mit dem weißen Schaum um seinen Mund und dem rot anlaufenden Gesicht wirkte er plötzlich wie ein tollwütiger Fuchs. Er spuckte ins Waschbecken und ging in sein Büro. Für die Gesichtswäsche oder gar eine Dusche war heute wieder keine Zeit.

Der PC war wie immer auf Energiesparmodus, damit er ihn schneller starten konnte. Facebook war schon offen und zeigte 25 Benachrichtigungen an. In seinem E-Mail-Fach war der tägliche Newsletter „Die Wahrheit“ mit einer Sammlung an Informationen, denen er wirklich vertrauen konnte. Sein Handy vibrierte. Auf Whatsapp bekam er in verschiedenen Gruppen Fotos von aktuellen Ungerechtigkeiten in der Welt. Sein Puls schoss sofort hoch, der Atem verkürzte sich. Er verzichtete vorerst darauf, sich seine Jogginghose anzuziehen.

Während durch die USB-Kaffeemaschine schwarze Brühe in die „Rapefugees not welcome“-Tasse plätscherte, öffnete er alle Facebookseiten lokaler Zeitungen und ließ die F5-Taste glühen. Nach fünf Minuten war es soweit: Die „Neustädter Stimme“ postete einen Beitrag zum Treffen von Kanzlerin Merkel und einer Gruppe syrischer Flüchtlinge. Das Lächeln der Fotografierten fühlte sich für ihn an, als würde er ausgelacht werden.

Manfred las sich den Artikel nicht durch. Seine Wut lieferte ihm schon alle Informationen, die er für eine Kommentierung bräuchte. Er verschränkte die Finger seiner beiden Hände miteinander, ließ sie kurz knacken und hackte los:

„Während unsere Kinder hier nie von der Merkeln beachtet werden, kommen die hier her und kriegen sofort eine Audiänz. Schön, dass sich die Kanzlerin lieber mit Kulturbereicherern trifft, als mit unserem Volk!!!11! Aber ich verstehs: Sie hat schiss vor uns!!1!“

Sofort nach dem Posten teilte er den Artikel mit dem Hinweis auf sein Kommentar in den Gruppen „Refugees not welcome“ und „Das Volk muss aufstehen“. Hartmut, Andrea und Sylvia sprangen Sekunden später auf den Zug auf und gaben ein Like für Manfreds digitalen Wutausbruch. Wer die Bedeutungshoheit in den Kommentarspalten gewinnen möchte, muss schnell und organisiert sein. Am frühen Morgen funktionierte das besonders gut. „Die Zecken schlafen ewig“, sagte Manfred immer zu seinen Unterstützern.

Er grinste zufrieden und nahm einen Schluck Kaffee. Sein Atem beruhigte sich erstmal wieder, doch das Adrenalin war nach wie vor da. Es war ein guter Morgen.

Durch das Fenster seiner Drei-Zimmer-Wohnung konnte er kurz den Sonnenaufgang über den Dächern der Siedlung genießen. In der Ferne nahm er jedoch schnell etwas wahr, dass ihm die Stimmung sofort wieder verhagelte: Kondensstreifen am Himmel. Wütend schlug er die Faust auf den Schreibtisch, etwas Kaffee schwappte aus der Tasse. „Die Schweine sprühen wieder!“, rief er und zückte seine Kamera.

In der Gruppe „Vergiftung durch Chemtrails“ wurde sein Bild innerhalb kürzester Zeit zigfach kommentiert und mit wütenden Smilies versehen. Achim wusste in einem Kommentar zu berichten, dass die Regierung einen geographischen Lageplan von unliebsamen Personen hat und dort nun vermehrt gesprüht würde. Er habe das von einem Freund, der es wiederum aus einem geheimen Dokument wusste, welches er aber nicht veröffentlichen konnte. „Er muss die Verfolgung durch die da oben vermeiden“, begründete Achim das Fehlen der Quelle. Manfred kopierte die Info und fügte sie seiner eigenen Dokumentation über „Chemtrails“ hinzu. „Vielleicht hat es ja auch was mit dem Treffen hier zu tun“, schrieb er noch und verlinkte auf den Artikel vom Morgen. Es hagelte erneut digitale Zustimmung.

Mit den Likes im Gepäck konnte Manfred ruhigen Gewissens den PC wieder auf Energiesparmodus stellen, um sich für die Arbeit fertig zu machen. In seinem Kopf malte er aber schon wieder die nächsten Sprachbilder für den Feierabend vor dem Monitor. Auf dem digitalen Schlachtfeld hatte er schließlich nur mit guter Vorbereitung eine Chance.

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