Das Herz ein Metronom

Es war ein Freitagabend und die Kälte biss unerbittlich in alle nicht bedeckten Körperstellen. Mit tiefen Zügen bezwang Tobias seine Zigarette in Rekordzeit, um möglichst schnell in die schützende Wärme des Clubs zu gelangen. Die Kapuze zog er tief ins Gesicht, es kannte ihn ja sowieso keiner hier.

Jeden Anruf, jede WhatsApp- und jede Facebook-Nachricht hatte er diesmal unbeantwortet gelassen. Die Woche verdiente aus seiner Sicht das Prädikat „Scheiße“ wie noch keine andere Zeit in seinem Leben zuvor. Erst rauschte er durch den letzten Versuch einer wichtigen Prüfung an der Uni und dann gab es auch noch Ärger mit seiner Freundin. Sie hatte immer den passenden Notfallplan parat, während er ein Freund anhaltender Lethargie war.

Nur mit viel Anstrengung hatte er es geschafft, sich an diesem Abend in die Straßenbahn zu schleppen, um vom Wohnheim ans andere Ende der Stadt zu fahren. Nachdem aus seinen Computerboxen auf voller Lautstärke ein Best Of an Hardcoresongs gedröhnt hatte und die Zimmernachbarn bereits in der gleichen Geschwindigkeit wie die Bass-Drum an die Wände hämmerten, befand er ein Konzert für die bessere Abendgestaltung. So erfuhr er von dem Club im Gewerbegebiet am Rande der Stadt.

An ihm vorbei strömten die verschiedensten Gestalten: hagere Jungs in Flanellhemden und engen Hosen, bullige Typen in Unterhemden und Holztellern in den Ohrläppchen sowie Punk-Mädels mit bunten Haaren und Schachbrettmusteroveralls. Nebenher schlichen die eher unauffälligen, schwarz gekleideten Konzertgäste. Keiner würdigte sich eines Blickes. Es schien, als war der Großteil der Leute an diesem Abend alleine unterwegs.

Die Einlass-Schlange rückte nur langsam vorwärts. Der Preis „4 bis 7 Euro“ beanspruchte die Beziehung Gewissen-Attitüde-Geldbeutel und der vorwurfsvolle Blick der Kassiererin tat sein Übriges. Tobias legte einen 10 Euro-Schein hin und sagte: „Gib mir 6 bis 3 Euro zurück!“ Das Mädchen lachte, begann dann aber hektisch in ihrer Kasse zu kramen und schließlich 4,50 Euro auszuzählen. „Ich hoffe, das ist okay“, sagte sie mit einem nervösen Grinsen. „Ausnahmsweise“, sagte Tobias und schaute vorwurfsvoll zurück, während hinter ihm bereits die Nächsten mit ihren Handytaschenrechnern versuchten, den optimalen Eintrittspreis zu ermitteln.

Der Konzertraum war klein und dunkel. Die Boxen gaben HipHop-Lieder aus einem anderen Jahrzehnt wieder. Bis auf einen oberkörperfreien Mann, der dazu eine Art Regentanz aufführte, war die Fläche vor der Bühne leergefegt. Die begehrteren Plätze waren eindeutig in der Nähe der Bar. Auch Tobias reihte sich sofort ein. Erstens konnte er gerade ein Bier gut vertragen und zweitens hatte er Angst, dass der tanzende Typ ihn gleich unterhaken würde, um gemeinsam das Fluten der Räumlichkeiten herauszufordern.

Es wurde nicht geredet. Blicke gingen gezielt aneinander vorbei oder direkt auf den Boden. Nur Getränkewünsche unterbrachen die Stille, die unablässig durch die Beats von Dr. Dre und Co. begleitet wurde. Heute hatten anscheinend alle Schlechtgelaunten der Stadt ihren Weg zu diesem Konzert gefunden.

Die Vorbands wurden ähnlich distanziert begleitet. Außer regelmäßiges Klatschen und ein paar Pfiffe hielt sich das Publikum angestrengt zurück. Tobias fühlte sich an ein Wartezimmer beim Arzt erinnert, in dem jede Bewegung sofort mit neugierigen Blicken verfolgt wurde und man folglich versuchte, sich in eine temporäre Schockstarre zu begeben. Als in einer Ecke jemand niesen musste, drehten sich sogar die Musiker auf der Bühne in die Richtung. Tobias begann sich zu fragen, ob der Ausflug eine gute Idee war und klammerte sich an seinem Bier fest.

Nach einer längeren Umbaupause kündigte ein monumentales Intro die Hauptband an, was nun endlich auch zu Bewegung im Konzertsaal führte. Langsam ließ sich Tobias nach vorne durch die Menge gleiten. Es entstand in kürzester Zeit eine spürbare Spannung unter den Anwesenden, die alle versuchten, weiter in Richtung Bühne zu gelangen. „Musikalischer Magnetismus“, dachte sich Tobias, während er möglichst berührungsfrei versuchte, an dem oberkörperfreien Tänzer vorbeizukommen, der als einziger im Pulk noch genügend Platz um sich herum hatte.

Es brauchte lediglich einen Schlag auf die Snare Drum, bis der Funke auf alle überschwappte und kein Fuß mehr stillstand. Binnen Sekunden verwandelten sich die distanzierten Gäste in eine einzige Menschenmasse. Tobias wurde von einem Unbekannten hochgehoben und flog über die Menschen. Es fühlte sich großartig an, denn zum ersten Mal in dieser Woche waren seine Gedanken wirklich auf Standby.

Auch um ihn herum entfaltete die Musik ihre Wirkung. In Gesichtern, die vorher einer Faust kurz vorm Zuschlagen ähnelten, fand sich ein breites Grinsen wieder. Menschen, die sich eigentlich aus dem Weg gingen, lagen Arm in Arm und sangen lautstark die Refrains mit. Und selbst der oberkörperfreie Mann, den ursprünglich alle gemieden hatten, bekam die Chance auf eine Flugeinlage über die Köpfe der Zuhörer hinweg.

Als unter Tobias ein kleines Loch entstand, ließ er sich mit den Füßen zuerst wieder zurück auf den Boden rutschen. Von hinten spürte er einen harten Schlag gegen sein linkes Schulterblatt. Erschrocken vom plötzlichen Schmerz drehte er sich um und musste nach oben schauen, um die Augen seines Schlägers zu finden. Er wollte schon in Deckung gehen und in die schützende Menschenmasse flüchten, als der Riese ihn an der Schulter packte, zu sich ran zog und sagte: „Oh fuck, sorry Mann! Alles gut?“

Tobias wusste nicht, was er antworten sollte. Die Situation wirkte zu surreal, so dass er einfach anfing, zu lachen. Sein Gegenüber stimmte mit ein. Das Gelächter wurde zwar von der Lautstärke des Konzerts verschluckt, doch ihre Herzen hatten wieder den richtigen Takt gefunden. „Ein Konzert ist besser als ein Besuch beim Psychiater“, schrie Tobias seiner neuen Bekanntschaft ins Ohr, der ihm mit einem verstehenden Nicken antwortete. Dann ließ er sich wieder hochheben. Diesmal mit geschlossenen Augen.

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2 Antworten

  1. Bärbel sagt:

    Hab die Kurzgeschichte gelesen und bin immer wieder begeistert, man ist von der ersten Zeile an in der Gesichte

    Ich bin dein größter Fan und hdgdl

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