Der balinesische Fußballtempel

In einem kleinen Transporter ratterten wir im Dunkeln über die holprigen Straßen der indonesischen Insel. Unser privater Taxi-Fahrer Jim hatte den Wunsch, uns zum Fußballspiel FC Bali United gegen Bhayangkara FC zu fahren, mit einiger Verwunderung aufgenommen. „Not much Bali-people like football“, sagte er in gebrochenem Englisch. Aber immerhin redeten wir hier von einem Spiel der ersten indonesischen Liga und da werden doch sicher ein paar Leute hingehen, oder? Er schien sich nicht sicher.

Die Dichte an Motorrollern ging in der Nähe des Stadions schlagartig in die Höhe. Unser Transporter war bald umringt von hoffnungslos überladenen Zweirädern, deren Fahrer waghalsig große Vereinsfahnen in der einen Hand wedelten und mit der anderen Hand ihr Gefährt steuerten. Die Überholmanöver fanden überall dort statt, wo auch nur ein paar Zentimeter Platz waren. Wir konnten über die Balance und Gelassenheit nur staunen, während wir dem bunten Fußballherz von Bali näherkamen.

Mitten auf der zweispurigen Zufahrtsstraße zum Stadion hielt Jim an. An beiden Seiten des Transporters rasten die Roller vorbei, um möglichst nah am Stadion einen Parkplatz zu bekommen. „Can’t go more. Pick you up here?“, fragte er. Dankbar für das Angebot stimmten wir zu und tauschten Handynummern aus. „Have fun“, sagte er noch mit einem Grinsen im Gesicht und ich war mir nicht sicher, ob er eigentlich hinzufügen wollte: „You crazy Germans!“

Wir retteten uns auf den Seitenstreifen, der eigentlich als Fußgängerweg diente. Dadurch war die Dichte der hier fahrenden Motorrollern geringer und bis wenige Fast-Sprünge ins Gebüsch hatten wir für balinesische Verhältnisse einen ruhigen Spaziergang zum „Stadion Kapten I Wayan Dipta“. Die von Abgasen und Grillständen geschwängerte Luft schloss sich wie dichter Nebel um uns. Wir folgten dem Strom der Massen durch eine enge Straße vorbei an Verkaufsbuden mit allerlei Merchandise zum balinesischen Fußballtempel.

Vorsichtig mussten wir uns um die abgestellten Roller herumschlängeln. Es war, als würde man durch Tiefschnee waten und darauf hoffen, dass die Person vor einem den Weg freitrampelt. Doch trotz scheinbarem Chaos blieb immer eine kleine Gasse offen.

Am Stadion steuerten wir zunächst den offiziellen Merchandise-Shop von FC Bali United an, um das Rätsel des Kartenkaufs zu lösen. Zwar versuchten wir vorher per Facebook mehr Informationen dazu auf der Event-Seite zu bekommen, doch außer 10 Likes und mehreren Freundschaftsanfragen erhielten wir keine Rückmeldung.

Eine junge Frau an der Kasse nahm sich uns an. Sie wollte zuerst wissen, ob wir VIP oder normale Eintrittskarten wollten. Für erstere würden etwa 10 Euro, für zweitere um die 2,50 Euro fällig. „VIP ist doch langweilig“, entschieden wir uns und reihten uns in die kurze Schlange neben dem Merchandise-Shop ein. Wir bekamen nach kurzen Verständnisschwierigkeiten unsere Eintrittsbändchen und hatten die nächste Hürde genommen.

An der Einlasskontrolle beobachteten wir, wie sich einige Gäste Getränke in Plastiktüten füllten. „Vielleicht als klebrige Wasserbombe für das gegnerische Team“, dachte ich mir und hakte das Thema ab. Die Spannung über den Blick ins Stadion war zu groß.

Das Oval war in Flutlicht getaucht und schon gut gefüllt. Während die Fans noch ihre Choreos vorbereiteten, suchten wir uns einen Platz auf den Betonstufen. Beim Blick in die Kurve wurde schnell klar, dass ein Fußballspiel nicht gerade die klassische Bali-Touristen-Attraktion ist. Jim hatte also angesichts über 13000 überwiegend balinesischen Zuschauern Unrecht. Und das war sehr gut so.

Die Gesänge wurden von Minute zu Minute lauter. Kurz vor dem Anpfiff gipfelte der Stadion-Chor in „You’ll never walk alone“. Trotz angenehmen 26 Grad breitete sich auf unseren Armen Gänsehaut aus.

Mit dem Beginn des Spiels wechselten sich die Kurven ab. Zum Durstlöschen kamen dann statt Bierdosen die Plastikbeutel zum Einsatz: Sie wurden aufgestochen und Wasser oder Fruchtsaft lief in die trockenen Kehlen der Fans. Als ehemaliger Joe-Clever-Milch-Trinker muss ich allerdings gestehen, dass ich Tetrapaks zu diesem Zweck besser finden würde.

Allerdings hätten wir uns wohl auch zu dem Plastikbeutel-Trick hinreißen lassen, hätten wir vorher gewusst, dass es im Stadion gar keinen Getränkeverkauf gibt. Nur einmal erspähten wir eine junge Frau, die ein Tablett mit Bechern vor sich hertrug. Nach knapp zwei Stunden ohne Flüssigkeit versuchten wir also bei ihr unser Glück. Die Mischung aus Kaffee und Kakao im Becher war allerdings wenig durstlöschend.

Das Spiel war spannend, die Stimmung auf den Rängen hingegen noch besser. Es wurde getanzt, gesungen und durchgehend gefeiert. Das steckte an und ließ auch den Durst vergessen. Selbst die sich abzeichnende Niederlage von Bali United tat dem Freudentaumel keinen Abbruch. Auch beim Stand von 0 zu 3 für Bhayangkara, gab es kein Murren auf der Tribüne oder gar Pfiffe. Anstatt aggressiven Pöbeleien gegenüber den eigenen Spielern, hielten es die Fans von Bali United lieber mit noch mehr Tanz und noch lauteren Gesängen. Die Palmen, die über den Rand der Tribünen ins Stadion spähten, wippten mit.

Als wir das Stadion verließen, mussten wir nach einem erneuten Lauf durch das Motorroller-Labyrinth versuchen, unseren Fahrer wiederzufinden. Trotz eines fehlenden genauen Treffpunkts und scheinbarer Verständnisprobleme, fanden wir uns nach nur zwanzig Minuten am Rande der Hauptstraße. Jim schlängelte sich durch die brummende Masse der Motorroller und hielt direkt vor unseren Füßen. Grinsend erzählte er uns, wie er während des gesamten Spiels auf uns an einem Stand gewartet und sich mit ein paar Leuten vor Ort unterhalten habe.

So ging es dankbar und mit einem Kopf voller Eindrücke sowie einem neuen Fußballtrikot und dem Austausch durch die Nacht in unsere Unterkunft.

Die Zusammenfassung des Spiels:

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