Der Krieg am Buffet

Die Köche höchstpersönlich öffnen heute die großen Türen zum Hauptrestaurant des Club-Hotels. Ein älteres Paar, das gerade versucht, Fotos von diesem großen Urlaubsmoment zu schießen, wird erbarmungslos zur Seite gedrängt. 18:30 Uhr ist nun mal Essens- und nicht Fotozeit. Sie versuchen wieder in die Schlange einzuscheren, doch im Kampf um die besten Sitzplätze gibt es kein Mitleid. Verzweifelt stellt sich der Mann auf seine Zehen und versucht das Ende der Menschen abzuschätzen, lässt sich wieder sinken und schüttelt traurig mit dem Kopf.

Jeden Abend beobachten wir das gleiche Schauspiel. Cluburlaube folgen einem beruhigenden Tagesrhythmus, der sich an wiederkehrenden Höhepunkten – vornehmlich den Essenszeiten und Boccia oder Volleyball-Spielen – orientiert. Es gibt nur wenige Dinge, die das Leben hinter den Hotelmauern aus dem Gleichgewicht bringen und so stehe ich auch heute Abend wieder vor dem gleichen englischen Pärchen in der Schlange, das sich immer passend zum Thema des Dinners kleidet. Sie pieksen sich gegenseitig mit Stäbchen in ihre Kimonos und lachen hinter vorgehaltener Hand. „Immer noch besser als das Lederhosen-Dirndl-Outfit von vor ein paar Tagen zum Bavarian Dinner“, flüstere ich meiner Begleitung zu. Wir holen tief Luft und nehmen uns wieder vor, morgen zu einem anderen Zeitpunkt essen zu gehen. Natürlich nur, wenn es das Animationsprogramm zulässt.

Die Menschen vor uns begrüßen die Köche, machen Fotos im Vorbeigehen und verhalten sich ein wenig wie Teenager, die auf ihren veehrten Star treffen. Mich sticht etwas in den Nacken. Reflexartig drehe ich mich herum und stelle fest, dass die Stäbchen unserer englischen Mit-Urlauber zu Selfiesticks ausgefahren werden. „Sorry man“, sagt die Frau, legt ihre Hände zusammen, als wollte sie beten und beugt sich ein wenig nach vorn. Ihre Rollen haben sie zwar nach allen Regeln des Regionenklischees verinnerlicht, aber für Bewunderung bleibt mir keine Zeit, denn der Selfiestick rast bei der Beugung in Richtung meines Kopfes nach unten, sodass ich nur knapp das Ausstechen meiner Augen verhindern kann.

Wir schieben uns durch den Eingang und biegen sofort ab, um etwas abseits vom Trubel und Buffet einen Tisch zu ergattern. Die Profis teilen sich hier bereits auf: Der eine Teil kümmert sich um die Plätze, der andere um die erste Ladung Essen. Trotz mehr als 40 Behältern randvoll gefüllt mit warmen Essen schwebt über der ganzen Szenerie zu jedem Zeitpunkt die Angst, es könnte bald nichts mehr geben. Im Hintergrund hören wir, wie sich Essensbestellungen vom Tisch zum Buffet zugerufen werden.

Die Hoffnung, dass sich die Schlange am Essen schnell legen würde, muss ich nach zehn Minuten und dem ersten Getränk aufgeben. Einige stehen bereits zur zweiten Runde an, andere posen vor der Salat-Theke für ein Urlaubsbild, welches am Ende sicher den Titel eines 0815-Fotobuchs zieren wird. Gemeinsam beschließen wir, uns in den Futterreigen einzureihen. „Falls wir uns verlieren sollten, treffen wir uns später an der Strandbar“, rufe ich meiner Begleitung hinterher, während diese von den Menschenmassen verschluckt wird.

Vor mir in der Reihe am warmen Buffet stehen zwei junge Männer in Sportklamotten, jeweils mit zwei Tellern. Sie lassen keinen Wärmebehälter aus und stapeln gekonnt Sättigungsbeilagen und Fleischberge auf ihre vorgewärmten Porzellanplatten. Lediglich die vegetarischen Behälter lassen sie verächtlich wieder zuknallen.

Ich lese gerade noch das in Großbuchstaben auf die Stoffhosen aufgedruckte „No pain no gain“, als plötzlich Unruhe entsteht. Irgendjemand weiter vorn in der Schlange schreit „Where are the fucking pommes?“ und erhält ein eingeschüchtertes „20 minutes“ als Antwort.

Die Unzufriedenheit über den Mangel an frittierten Kartoffelstäbchen breitet sich wie ein Lauffeuer unter den Wartenden aus. Meine zwei Vordermänner beginnen, mit ihren Muskeln unter dem Tanktop zu zucken, während die Jüngeren in der Reihe bereits mit einer schlechten Bewertung bei Holidaycheck drohen. Statt ihre Fäuste recken sie ihre iPhones in die Höhe.

„Probieren Sie doch in der Zwischenzeit unsere asiatischen Spezialitäten“, versucht der Hotelmanager erst die deutschen Gäste zu beruhigen, bevor er ins Russische wechselt. „Isch will aber meene Bommes jetze!“, ruft ein etwa 50-jähriger Mann am Anfang der Schlange und streckt seinen Teller wutentbrannt in die Höhe. Wahrscheinlich hatte er in seiner Aufregung vergessen, dass sich darauf bereits weiße Bohnen in Tomatensoße befanden. Nun sieht er aus wie eine unfrittierte Pommes, die in Ketchup getunkt wurde. Er lässt den Teller fallen und hetzt zum Ausgang.

Ich suche nach einem Ausweg aus der unangenehmen Situation, doch alles ist versperrt. Hinter mir drängen sich die Leute, um bei der nächsten Ladung dran zu sein, während vor mir die beiden Muskelpakete den Koch in Grund und Boden starren. Niemand hier wird einen Zentimeter Raum aufgeben.

Ich beschließe durchzuhalten und hoffe angesichts der Wut unter den Hotelgästen, dass ich es heute überhaupt noch einmal zur Strandbar schaffen werde. Nicht mal mein Handy habe ich dabei, um einen letzten Gruß an die Welt nach draußen zu senden. „Wo sind die Brieftauben, wenn man sie einmal braucht?“, frage ich mich. Wahrscheinlich wäre eine Friedenstaube sogar besser gewesen.

10 Minuten und einige lautstarke Beschwerden später öffnen sich die Türen der Küche. Die Menschen um mich herum brechen in einen Jubelsturm aus, als sie sehen, dass es sich um die ersehnte Fritteusenware handelt. Doch wir sehen die goldgelben Sticks nur kurz, dann werden sie durch Schwarzeneggers heimliche Brüder vor mir verborgen.

Schon allein aus Angst vor den Blicken der beiden traut sich keiner, auch nur ein Wort zu sagen. Nach gefühlten Stunden dreht sich einer um und verlangt mit den Händen gestikulierend nach zwei weiteren Tellern. Eingeschüchtert wird am Anfang der Schlange gehandelt, wie vorne gewünscht.

Gerade will ich meine Chance ergreifen und an den beiden Fleischbergen vorbeiziehen, da höre ich das metallerne Geräusch einer sich schließenden Aufbewahrungsbox vor mir. „Sie sind endlich fertig“, denke ich mir und mache mich bereit auf meine persönliche Ladung Fritten. Natürlich passen sie nicht zu meiner mittlerweile kalten Auswahl an asiatischen Gerichten auf dem Teller, aber die Warterei soll ja schließlich nicht umsonst sein.

Als die beiden sich mit ihren jeweils drei prall gefüllten Porzellanunterlagen weiter schieben, greife ich zu. Mir läuft schon beim Öffnen des Behälters das Wasser im Mund zusammen. Kurz schließe ich die Augen, um den Duft von frischem Fett und Pommesgewürz mit Geschmacksverstärker aufzunehmen. Doch außer dem Duft enthält der Behälter nichts.

Keine Kaloriensünden, nicht mal ein verbranntes Stück haben die laufenden Oberarme vor mir übrig gelassen. Gähnende Leere statt goldener Entzückung. Ich kann es nicht fassen, doch meine eigene Unzufriedenheit scheint nichts im Vergleich zu der Wut der hungrigen Mäuler hinter mir.

Binnen Sekunden bricht ein Tumult aus, der die Szenen zuvor bei weitem übertrifft. Ein älterer Herr, der sich auf einen Krückstock lehnt und normalerweise in Sachen Bewegungsgeschwindigkeit nur mit einer Schldkröte mithalten kann, stößt einhändig einen Essensbehälter um. Die anderen um ihn herum schreien und ballen die Fäuste.

Mit meiner kleinen Portion kaltem asiatischen Essen flüchte ich aus der Schlange und verlasse das Buffet. Meine Begleitung sitzt an unserem Tisch und nippt am Wein. „Wo warst du denn so lange?“, fragt sie, als ich mich mit lautem Stöhnen auf meinen Platz niederlasse.

„Im Buffet-Krieg zur Schlacht um eine Portion Pommes“, antworte ich und beuge mich über meinen Teller.

„Ach, hätte ich gewusst, dass du Pommes willst, hätte ich dir auch welche mit vom Teller der netten Jungs am Nebentisch gefischt.“

„Welche netten Jungs?“, frage ich verdutzt.

„Na die beiden Bodybuilder, die hier immer rumlaufen. Die kamen vorhin mit riesigen Portionen Pommes zurück und haben ihr Essen mit allen geteilt.“

Sprachlos starre ich sie an. „Was ist los?“, fragt sie.

„Nichts. Ich bin nur hungrig.“

„Na dann wird deine kleine Portion aber nicht ausreichen.“

Ich beginne mich zu fragen, ob ich Opfer einer hotelinternen „Verstehen Sie Spaß?“-Show geworden bin. In meinem Sichtfeld in der Nähe des Buffets taucht der Hotelmanager auf – von oben bis unten voll mit Essen. Mit zitternder Stimme verkündet er, dass das Buffet für heute Abend geschlossen bleibt.

„Wird wohl nichts aus deiner zweiten Buffet-Runde heute?“, fragt mich mein Gegenüber etwas besorgt.

„Komm, die Strandbar ruft“, sage ich und stehe auf. Als wir zum Ausgang gehen, laufen wir an dem älteren Ehepaar vorbei, dass es nach dem Zurückdrängen am Haupteingang des Restaurants nun endlich ins Innere geschafft hatte. Der Mann schaut zum Buffet, dreht sich zu seiner Frau und schüttelt wieder traurig den Kopf.

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