Der Morgen der Veränderung

Neben Martin raschelte es. Über eine Stunde hatte er sich im eigenen Schweiß gewälzt und vergeblich versucht, notwendigen Schlaf nachzuholen. Den Temperaturen im Zelt nach zu urteilen, musste es schon gegen Mittag sein. Mit kleinen Augen schaute er auf seine Armbanduhr. Die Anzeige passte zu seinen Kopfschmerzen. 7:32 Uhr oder nach seiner Zeitrechnung: 3 Stunden nachdem er sich hingelegt hatte.

„Wie spät ist es?“, nuschelte es aus dem Schlafsack neben ihm.

„Willst du nicht wissen“, sagte Martin und machte sich daran, seine Jogginghose anzuziehen. Vorsichtshalber griff er noch nach rechts, wo sein Biervorrat lag und schnappte sich eine Dose. Sie war so kühl, als existierten im Zelt verschiedene Klimazonen.

Am Zeltausgang fuhr er in seine Badeschlappen, richtete sich langsam auf und ließ seinen Blick über den Festival-Campingplatz schweifen. Er beobachtete einen einzelnen Kerl unter einem Pavillon, der den Tagesstart mit einer Flasche Bier durch den Trichter einleitete und sofort wieder beendete. Mit einer Hand öffnete Martin beiläufig seine Dose Bier. Aus einem der Zelte seiner Freunde war deutlich ein „Uuuääähhh“ zu vernehmen. „Naja, ein Bierchen geht schon“, sagte ein anderer und folgte Martin nach draußen.

„Mojn“, sagte Martin. „Und, biste fit?“

„Nee, aber gleich“, antwortete Malte und öffnete seine Dose Bier. Sie stießen an, tranken einen großen Schluck und lehnten sich in ihren Campingstühlen zurück. „Ach, das muss das Paradies sein“, sagte Malte schließlich.

„Kopfschmerzen, Schweiß am Körper und beißender Gestank von den Dixies gegenüber?“

„Besser als der tägliche Stress, Anpassungsdruck und die damit einhergehende Resignation.“

„Ich wusste gar nicht, dass dich dein Philosophiestudium so herausfordert.“

„Ach, du weißt schon, wie ichs meine“, sagte Malte und begann, sich eine Zigarette zu drehen. An ihrem Pavillon lief ein junger Mann vorbei, der lediglich einen Bauhelm um die Hüfte trug.

„Weißt du, worüber ich beim Aufwachen nachgedacht habe?“, fragte Martin.

„Ob die die Klos schon gereinigt haben?“, mutmaßte Malte und befeuchtete mit seiner Zunge den Klebestreifen des Zigaretten-Papers.

„Nein, obwohl das ein naheliegender Gedanke ist. Ich habe überlegt, dass wir alle hier auf dem Festival gelandet sind, weil wir früher mal etwas verändern wollten und dann eben die entsprechende Musik gehört haben. Und jetzt?“

„Verändern wir nur unsere Leberwerte zum Negativen.“

„Ja, so in etwa. Vor der Bühne singen wir Texte mit, machen uns keine Platte und am Abend drehen wir in irgendeinem Partyzelt zu Radiomucke durch. Ich hab das Gefühl, dass wir uns selbst zu wichtig geworden sind.“

Malte dachte zurück an die Zeit, in der er sich Nachts mit Freunden getroffen hatte, um NPD Plakate runterzureißen. Bei den Gesprächen mit seinen Kommilitonen in der Uni-Cafeteria hatten sie darüber gelacht und es als jugendlichen Leichtsinn bezeichnet. Damals war er überzeugt, mit jedem Plakat weniger die Welt ein Stückchen besser gemacht zu haben.

„Ich glaube, es ist die Resignation vor der Realität. Was wollen wir schon ändern gegen die da oben?“, fragte Malte schließlich.

„Alter, hör mir auf mit dieser ‚die da oben‘-Scheiße. Komm, lass uns auch mal wieder was tun!“

„Und was hast du vor?“

„Wir machen ’ne Demo, gleich jetzt und gleich hier. Morgens sind die Leute wenigstens noch nüchtern und denken vielleicht mal nach!“

„Und über was genau sollen die nachdenken?“, fragte Malte, ohne es wirklich wissen zu wollen, denn die Martins Begeisterung hatte ihn schon angesteckt.

„Ich schlage vor, wir nennen unsere Bewegung ‚GeDiLe – Gegen die Lethargie‘. Lass uns Schilder basteln und dann einfach mal losziehen. Wenn wir nur eine Person dazu bringen, heute über mögliche Veränderungen in der Welt nachzudenken, dann haben wir doch schon unser Ziel erreicht!“

„Geile Idee Alter!“, rief Malte und begab sich auf die Suche nach einem größeren Stück Pappe. Mithilfe der Dosenbierkartons und ein wenig Duck Tape hatte er schnell zwei Schilder gebastelt, auf die Martin mit schwarzem Edding die Abkürzung ihrer Bewegung schrieb und die Aufforderung „Arsch hoch, Welt verändern“. Malte fragte währenddessen in den Zelten ihrer Freunde nach, wer sich ihnen anschließen wollte, erhielt allerdings selten mehr als ein in seine Richtung fliegendes Kleidungsstück als Antwort.

Die misslungene Erstmobilisierung hielt die beiden nicht auf. Sie starteten ihre Demonstration in Richtung der Waschcontainer, wo sie von den Leuten in der langen Warteschlange kritisch beäugt wurden.

„Erst denken, dann waschen“, brach es aus Malte heraus. Martin stimmte mit ein. Zunächst schienen sie jedoch auf taube Ohren zu stoßen. Einige schüttelten ihren Kopf und tuschelten untereinander. Das heizte das Duo nur noch mehr an. „Wer nicht kämpft, hat schon verloren!“, schrie schließlich Martin, auch wenn er eigentlich gegen plakative Sprüche war.

Aus der Schlange lösten sich zwei Frauen mit Dreadlocks und schlossen sich den beiden ohne Worte an. Im Takt der Sprüche, die Martin und Malte riefen, streckten sie ihre mit der Faust umklammerten Zahnbürsten nach oben. Martin fand, dass dies ein guter Zeitpunkt war, um den Demonstrationszug in Bewegung zu versetzen. In der Kloschlange entschlossen sich spontan weitere Leute, auf die Morgentoilette vorerst oder gänzlich zu verzichten und sich der kleinen Gruppe anzuschließen.

Auch auf dem Zeltplatz reckten Neugierige ihre Hälse nach der zunehmend lauter werdenden Gruppe und kamen hinzu. Nach wenigen Metern hatte sich bereits ein beachtlicher Pulk hinter Martin und Malte gebildet. Sie lächelten sich zufrieden zu und riefen ohne Nachlass „GE-DI-LE, GE-DI-LE…“. Dabei bemerkten sie nicht, dass sich bereits Securities sammelten, um ihnen den Weg abzuschneiden.

In einem kleineren Durchgang trafen die beiden Gruppen aufeinander. Unbeirrt lief Martin auf die schwarze Mauer zu, bis ihn eine kräftige Hand auf dem Brustkorb am Weitergehen hinderte.

„Was soll das? Wir wollen hier durch!“

„Geht nicht“, antwortete der bullige Mann.

„Wieso?“

„Zu eurem Schutz.“

„Wie jetzt – zu unserem Schutz?“ Martin war wütend und fühlte sich in seiner Meinungsfreiheit beschränkt. Niemand gab den Securities das Recht, eine Demonstration aufzuhalten.

„Wollt ihr etwa auf die Gegendemo treffen? Wir verhindern hier nur Ärger!“

„Was für ’ne Gegendemo?“, fragte Malte, der bisher versucht hatte, die Massen zu beruhigen.

„Hört ihr nicht die Schreie? Da drüben gibt es eine Kundgebung von „FüDiLe“ und die verteilen Bier in Dosen. Aus eigener Erfahrung kann ich dir davon abraten, eine volle Büchse gegen den Kopf geworfen zu bekommen“, sagte der Security und zeigte auf eine größere Gruppe von Menschen am Ende des Seitenganges, die ebenfalls von einer schwarzen Mauer zurückgehalten wurde.

Martin und Malte drehten sich zu ihren Demonstrationsteilnehmern um und wurden von fragenden Augen angeschaut. Aus einer der hintersten Reihen rief jemand: „Eine Rede!“ Die anderen stiegen mit ein und forderten lautstark eine Erklärung der beiden, die noch vor etwa einer Stunde Teil der sich untereinander unbekannten Masse auf dem Campingplatz waren. Martin wurde ein Hello-Kitty-Megafon gereicht. Er begann zu zittern.

„Komm schon Alter, du packst das!“, sprach ihm Malte Mut zu.

Mit wackligen Beinen stieg Martin auf eine leere Bierkiste, die vor ihm aufgestellt wurde. Die Menge applaudierte und schrie „GeDiLe“. Der Zuspruch und die vielen hoffnungsvollen Gesichter motivierten ihn, seine Aufregung schien wie weggeblasen. Er schaltete das Megafon an, räusperte sich und begann seine Rede:

„Liebe Gleichgesinnte, es ist fantastisch, dass sich hier so viele eingefunden haben, die die Fähigkeit, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, noch nicht verlernt haben.“ Malte hielt kurz seine Faust hin zu Martin und flüsterte „Höhö, Philosophenfist“.

„Wir wollen raus aus der Lethargie und endlich wieder aktiv werden!“, fuhr Martin fort. „Um die bestehenden Verhältnisse zu anzugreifen, ist es notwendig, neue Institutionen zu etablieren.“

Die Menge blieb ruhig. Einige begannen zu tuscheln. Ein junger Typ aus den vorderen Reihen rief schließlich: „Wat für ’n Müll erzählst’n du? Wieso laufen wa nich weiter?“

Martin war wie versteinert. Er hatte geglaubt, die Meute würde ihm aus der Hand fressen. Malte musste einspringen: „Wir können nicht weitergehen, weil sich am anderen Ende des Gangs eine Gegendemo gebildet hat. Die verteilen Bierdosen und scheuen sich sicher nicht, damit nach uns zu werfen.“

„Wir wollen auch Bier“, rief ein Mädchen mit einem Kassierer-Shirt aus der ersten Reihe und erhielt dafür weiten Zuspruch. „Lasst uns durch!“

Die Securities öffneten eine Gasse und die eben noch energischen Demonstranten gingen an Martin vorbei. Jemand nahm ihm das Megafon aus der Hand, drückte auf den Knopf „Sirene“ und gemeinsam wurde die moderne Friedenshymne von Scooter angestimmt: „Döp Döp Döp Dö-Dö-Döpp-Döpp-Döpp…“

Niedergeschlagen setzte sich Martin auf den Bierkasten. Malte rollte eine Zigarette und hielt sie ihm hin. „Ich hätte es wissen müssen. Hier will keiner was verändern. Die singen nur ‚Rage Against The Machine‘ Lieder, weil sie die aus der Dorfdisco kennen und nicht, weil sie die Inhalte gut finden.“

Vor Malte und Martin hatte sich in der Zwischenzeit eine kleine Gruppe mit 5 Leuten gebildet. „Was wollt ihr? Freibier gibts da hinten“, sagte Martin mit gesenktem Kopf.

„Wir wollten Danke sagen für die Demo. Sowas haben wir schon lange nicht mehr erlebt und irgendwie hatten wir auch vergessen, wie sich das anfühlt. Ich denke, wir werden jetzt wieder öfter unseren Arsch hochkriegen!“

Martin grinste sie an. „Danke, das baut echt auf, nachdem alle für das Freibier verschwunden sind.“

„Wir gehen da jetzt auch hin. Das heißt doch aber nicht, dass nichts bei uns angekommen ist von eurer Aussage. Kommt doch einfach mit!“

Martin schaute Malte an, der schon sehnsüchtig in Richtung FüDiLe-Demo schaute. „Also ich könnte schon eins vertragen“, sagte er und hielt Martin seine Hand hin, um ihn nach oben ziehen.

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.