Der singende Obsthändler

Die Sonne schien auf den gepflasterten Marktplatz. Es war kurz nach 12 Uhr und binnen weniger Minuten hatten sich lange Schlangen an den Ständen gebildet. „Typisch! Die Arbeiter stellen sich mir mal wieder in den Weg“, dachte sich Rainer und schob sich zwischen den Menschen hindurch, die meist mit gerümpfter Nase Platz machten. Hier und da hielt er an, rief „Vorsicht, mir ist übel!“ und griff durch die entstehende Lücke vor den Theken zu den Probierhäppchen.

Sein Ziel war Armin – der Gemüse- und Obsthändler des Vertrauens. Rainer hatte ihm vor ein paar Jahren des Leben gerettet. Er entdeckte Armin auf dem Geländer der Fußgängerbrücke über der nahegelegenen Autobahn. „Kann ick deinen Pfand hamm?“, hatte Rainer Armin damals gefragt und auf die 5 leeren Sternburgflaschen am Weg gezeigt. Armin erschrak so sehr, dass er vornüber kippte und beinahe von dem herannahenden Netto-Laster überfahren worden wäre, wenn Rainer ihn nicht geistesgegenwärtig festgehalten hätte. Sie verbrachten die Nacht damit, hinter der Aral-Tankstelle um die Ecke Bier zu trinken und festzustellen, dass so einem Tod auf der Autobahn irgendwie der nötige Dramafaktor fehlte. „Es sei denn, du wirst von ’nem Obstlaster überrollt. Das wär schon lustig“, hatte Rainer gesagt. Armin musste zum ersten Mal seit langer Zeit wieder schmunzeln. Welcher Grund hinter dem Suizidversuch lag, verriet er jedoch nicht. Da Rainer seit diesem Tag aber wöchentlich kostenlos eine Portion Obst und Gemüse bekam, fragte er nicht nach.

Schon vom relativ weit entfernten „Käse Achim“ konnte er sehen, dass die Warteschlange an diesem Tag besonders lang war. Laute Schlagermusik dröhnte aus dem kleinen grünen Pavillon, der von den umherstehenden Anzugträgern mit dem iPhone anvisiert wurde. „Ojeh, der Armin hat sich bestimmt an Bananenschalen aufgehangen“, dachte sich Rainer und versuchte sich eine Position mit besserem Blick zu verschaffen. Ein paar Rempler und böse Blicke später hatte er freie Sicht und traute seinen Augen kaum.

Armin jonglierte mit den Angebots-Äpfeln und sang zur Melodie von Helene Fischers „Atemlos“ die selbstgedichteten Zeilen: „Apfelmus – frisch und gut – kauft bei mir hier, habt nur Mut!“ Und Rainer hatte noch gelacht, als ihm das Video des singenden Fischhändlers gezeigt wurde. Armin hatte felsenfest behauptet, diese Idee würde er kopieren, um sein Leben zu verändern. Jetzt musste er mit anschauen, wie sein Kumpel sich vom Marktplatz direkt in die Fernsehgarten-Musikhölle sang und dabei auch noch Spaß hatte.

Die Anwesenden waren in einer Schlager-Obst-Hypnose gefangen, weshalb niemand bemerkte, wie sich von hinten ein großer schwarzer Transporter mit dem Kennzeichen „FM-MZ“ näherte. Armin war gerade dazu übergegangen, „Marmor, Stein und Eisen bricht“ von Drafi Deutscher neu zu interpretieren, indem er sang: „Käse, Fleisch und Milch macht dick – aber unsere Früchte nicht.“

Plötzlich Stille.

Gerade noch wurden Jacketts durch die Luft gewirbelt, nun schauten sich alle verwundert an. Armin drehte sich schlecht gelaunt zu seinem Geschäftspartner um und wollte gerade fragen, ob er denn auf ein Kabel getreten sei, als ihn vier finstere Augen anblickten. Sein Herz stockte. „Wir sind von der FMMZ – Für Musik musste zahlen. Haben Sie diese Veranstaltung hier angemeldet?“, fragte der Größere von Beiden.

Armin brachte nur ein stotterndes „Wwww–was?“ hervor. Rainer beobachtete, wie einige der kurz zuvor euphorischen Zuschauer betroffen zu Boden schauten. Es war wie früher in der Uni, wenn der Dozent etwas gefragt hatte und niemand antworten wollte. Wütend schnappte er seinem Nachbarn das Jackett weg, zog es über seinen löchrigen Kapuzenpullover und ging mit festem Schritt auf seinen zitternden Freund zu.

„Hallo, ich bin der Manager vom Singenden Obsthändler. Gibt es hier ein Problem?“, fragte Rainer.

Der kleinere von beiden Mitarbeitern der FMMZ klinkte sich ins Gespräch ein, während sein Partner mit der Erscheinung Rainers überfordert schien. „Ja, gibt es. Hier wurde vermutlich anmeldepflichtige Musik gespielt und für diese Veranstaltung liegt uns keine Anmeldung vor. Wenn sie uns das nicht erklären können, gibt es ein saftiges Bußgeld.“

„Alle dargebotenen Lieder sind von ihm hier geschrieben“, sagte Rainer und zeigte auf den verdutzten Armin. „Er schreibt in seiner Freizeit vorwiegend betrunken Lieder, die er dann für ein paar Kurze an Musikfirmen verkauft. Was sie hier sehen, ist ein Meeting mit seinen wichtigsten Geschäftspartnern.“ Die Menge um den Stand nickte, aus dem Hintergrund war deutlich ein „Jenau!“ zu vernehmen.

„Außer in meiner Mittagspause habe ich doch sonst keine Zeit für Präsentationen“, pflichtete Armin ihm bei.

Die Beamten wirkten zunehmend unsicherer. Der Große schaute ohnehin schon ständig auf seine Uhr.

„Wissen Sie was?“, fragte er. „Wir haben jetzt eigentlich auch schon lange Mittagspause und ein Geschäftsmeeting fällt nicht in unseren Aufgabenbereich. Dafür ist die MBMK – Musik bei Meetings kostet – zuständig. Soll’n die doch mal draußen rumfahren und sich damit rumschlagen.“

„Darf ich denn jetzt weitermachen?“, fragte Armin.

„Gleich. Zuerst müssen sie mir aber noch einen Obstsalat verkaufen.“ Armin wickelte das Geschäft schnell ab, um kurz darauf mit einer Banane als Gesangsmikrofon den nächsten Schlager-Klassiker zu zersingen. Im Hintergrund begannen die ersten Kurzzeit-Musikmanager freudestrahlend wieder ihre Jacketts auszuziehen.

„Auch eine kluge Art sich vorzudrängeln“, dachte sich Rainer, während er sich vom Stand entfernte.

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2 Antworten

  1. Björn sagt:

    Es ist schon schade wie das Gedankengut eingeschränkt werden kann. Ich habe mir auch immer Gedanken gemacht was ich blogge und was man überhaupt schreiben oder zeigen kann. Die fair-use Regeln für Amerikaner sind da schon ein bisschen angenehmer, Ich möchte das der Fischhändler weiter singt. Warum auch nicht?

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