Ein Herz für Loser

Schwer atmend lag Torben mit dem Rücken auf dem Asphalt des Schulhofs und konzentrierte sich auf die vorbeifliegenden Vögel, um gegen die drohende Dunkelheit vor seinen Augen zu kämpfen. Der Tritt von Kevin gegen seinen Brustkorb hatte gesessen. Er war wie ein Stein rückwärts von der Bank gepurzelt und hatte dabei sogar seine geliebten Pokemon-Karten aus der Hand fallen lassen.

Schon oft hatte er sich gewünscht, wie die Vögel zu sein. Einfach abzuheben und an einen anderen Ort reisen zu können, andere Luft zu atmen und vor allem andere Gesichter zu sehen. Nur alleine würde er fliegen, nicht im Schwarm, denn der brachte ihm in seinem bisherigen Leben nie etwas Gutes. Doch statt zweier Flügel hielt ihn sein Übergewicht fest am Boden und statt schöner Federn hatte er mit starker Akne zu kämpfen.

„Guckt euch mal das fette Schwein an! Liegt wie eine Schildkröte aufm Rücken!“, hörte er Kevin den anderen zurufen. Ihr Gelächter wirkte kilometerweit entfernt. Torben hatte sich in den vergangenen Jahren ein Schutzschild zugelegt, mit dem er die verbalen Attacken abwehrte. Leider galt das nicht für seinen Körper.

Nachdem er eine Weile am Boden gelegen hatte, wurde es ruhig um ihn. Von irgendeiner Ecke rief ein Lehrer „Jungs, gut jetzt!“ und die Ansammlung um Kevin verzog sich in eine Ecke, um dort die jüngeren Schüler zu ärgern. Torben atmete tief durch, sammelte die Karten auf und machte sich auf den Weg ins Schulgebäude. „Was hast du vor?“, hörte er den gleichen Lehrer von eben hinter ihm fragen.

Er drehte sich um und erkannte den Sportlehrer. Herr Kraft war der Inbegriff eines Adonis. Wie so oft im Leben haben die schönsten Menschen den schlechtesten Charakter, dachte sich Torben und versuchte ohne zitternde Stimme zu antworten: „Ich möchte gerne reingehen. Meine Brust tut weh.“

„Hast du etwa den BH für deine Männertitten vergessen? Die große Pause wird draußen verbracht! Frische Luft ist gut für die Haut und für den Geist.“

Torben stotterte ein „A-aber …“ zurück. „Kein Aber. Du kannst noch reden, also kann es nicht so schlimm sein“, sagte der schuleigene Fitness-Guru. Das aufgesetzt strenge Gesicht, in dem jeder Muskelstrang trainiert zu sein schien, ließ ihn wie einen Bodybuilder bei der Präsentation seiner Muskeln wirken.

Niedergeschlagen blieb Torben auf der Bank zurück, in die irgendjemand den Spruch „Ein Herz für Loser“ eingeritzt hatte. Er fragte sich, wer die Behauptung verbreitete, dass die Schulzeit die schönste Zeit im Leben wäre. Für ihn fühlte es sich wie ein nicht enden wollendes Straflager an. Freunde waren etwas, dass er nur außerhalb des Schulgeländes fand und eigentlich auch nur dort finden wollte. Er verabscheute seine Klassenkameraden, die sich mit Dummheiten vor den anderen profilierten und heimlich hinter der Turnhalle nach der Schule rauchten. Die kommenden Pausen zeigten das deutlich: Während einige Papier-Spucke-Kügelchen mit einem aufgeschnittenen Fineliner als Blasrohr an die Decke schossen, bemühte sich ein anderer einen besonders großen Penis mit Kreide an die Tafel zu malen. Torben hielt sich im Hintergrund und verbrachte die Zeit mit seinem Harry Potter Buch. Bis auf eine Papierkugel, die knapp neben dem Ohr auf sein Gesicht klatschte und dann schwerfällig zu Boden fiel, war diese Strategie erfolgreich. Er hätte jedoch sicher eine Krankheit vorgetäuscht, wenn er geahnt hätte, wie viel Aufmerksamkeit ihm noch an diesem Tag zuteil werden würde.

Das Klingeln zum Ende der letzten Stunde war auch heute der schönste Klang in seinen Ohren. Hektisch stopfte er seine Sachen in den alten 4YOU-Ranzen, für den er nicht nur einmal Schläge einstecken musste. Schon länger hatte er sich von seinen Eltern einen neuen Rucksack gewünscht, doch die sahen nicht ein, dass ein viereckiger Kasten mit einem großen gestickten Tiger entgegen der Schulmode von Heute stand. Es war nicht seine Art, Widerworte zu geben und so fand er sich damit ab.

Er war wie immer der erste Schüler, der das graue Schulgebäude nach Unterrichtsende verließ. Nur so hatte er die Chance, den Bus vor dem normalen Schulbus zu erwischen und weiteren Schubsereien aus dem Weg zu gehen. Das Glück war heute jedoch nicht auf seiner Seite. Obwohl der Busfahrer sah, wie er zur Bushaltestelle rannte, schloss er die Türen und fuhr los. Torben war sich nicht sicher, aber meinte ein Lächeln des Busfahrers im Rückspiegel erkannt zu haben. Mit seinen Händen auf den Knien jappste er zum zweiten Mal an diesem Tag nach Luft. Hinter ihm hörte er schon, wie sich die anderen Schüler näherten.

Kevin schien diesmal das gesamte Schulhaus anzuführen. „Na, Fetti? Haste dich an ’nem Stück Butter verschluckt oder warum keuchst du so?“ Die anderen lachten und schrien Beleidigungen hinterher. „Pickelfresse“, „Mondgesicht“ oder „Fettschlauch“ waren dabei fast schon Komplimente. Torben versuchte sich, schnellstmöglich aus dem Staub zu machen, doch er hatte die Rechnung ohne Kevin gemacht.

Er begann damit, Torben zu schubsen, der aufpassen musste, nicht auf der vielbefahrenen Straße zu landen. Die Masse hinter Kevin feuerte ihn an und drängte ihn, weiterzumachen. Gerade wollte er wieder ansetzen, da kam ihm ein lockerer Pflasterstein in den Weg. Kevin stolperte und fiel nach vorne über die Bordsteinkante. Er konnte sich gerade noch mit seinen Händen abfangen und auf der Straße abrollen. Seine Zigarette, die er sonst lässig im Mundwinkel trug, hing nun abgebrochen zwischen seinen Lippen.

Keiner traute sich zunächst zu reagieren. Als sie aber feststellten, dass er sich nichts getan hatte, schallte ihm die volle Wucht des Gelächters entgegen, das vorher Torben zu spüren bekommen hatte. Kevin putzte sich ab und wollte gerade „Aufhören“ schreien, als er erneut das Gleichgewicht verlor und mit einem Ruck auf den Pflastersteinen des Fußwegs landete. Das laute Lachen war urplötzlich verstummt.

Er verstand nicht gleich, was passiert war. Irritiert hob er den Kopf und blickte in die versteinerten Gesichter des jungen Publikums. Auf der Straße sah er Torben regungslos auf dem Boden liegen. Ein paar Meter weiter, am Ende tiefschwarzer Bremsspuren, stand ein roter Opel Corsa mit angeschalteter Warnblinkanlage. Die junge Fahrerin stieg aus ihrem Wagen und rannte zu Torben. Sie war dabei zunächst vollkommen still, doch ihr Gesicht schien laut zu schreien.

Als sie bemerkte, dass der Junge, den sie gerade angefahren hatte, auf ihr Schütteln an seinen Schultern keine Regung zeigte, drehte sie sich zu den Schülern und schrie: „RUFT EINEN NOTARZT!“ Der Befehl rüttelte die meisten wach und sie begannen, hektisch auf ihren Smartphones rumzutippen. „Mist, ich habe gestern erst meine Notruf-App gelöscht“, sagte einer. Niemand registrierte zu seinem Glück den Spruch.

Kevin begann zu weinen, als er realisierte, dass er es eigentlich hätte sein müsse, der dort auf dem Asphalt um sein Leben kämpfte. Torben hatte das Auto hinter der lachenden Menschenmasse kommen sehen und ohne nachzudenken reagiert. Jetzt hielt eine 18-jährige Fahranfängerin seinen großen Kopf in ihren Händen, die sich blutrot färbten. Ihre Tränen tropften auf Torbens Gesicht.

Es war über ein Monat vergangen, bis Torben aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte. Außer Prellungen, einem gebrochenen Bein und einer schweren Gehirnerschütterung hatte er wohl Glück gehabt. Der Arzt meinte mit einem zwinkernden Auge, dass sein Übergewicht ihm vielleicht als natürlicher Schutzmantel das Leben gerettet hätte.

Die Zeit im Krankenhaus konnte Torben genießen, denn er hatte ein Einzelzimmer mit allen Unterhaltungsmedien, die einem 15-Jährigen Spaß machten. Besuch empfing er nicht, doch seine Eltern hoben die unzähligen Blumen und Genesungskarten für ihn auf. „Man muss sich also nur von ’nem Auto anfahren lassen und schon lieben sie einen“, meinte er mit Blick auf die Sammlung. Am liebsten hätte er die Karten verbrannt und die Blumen plattgewalzt.

Seine Rückkehr in die Schule musste Torben noch auf Krücken erledigen. Der Bruch war kompliziert und außerdem hoffte er, dass er so körperliche Angriffe zumindest vorerst verhindern konnte. Schon der Eingangsbereich der Schule machte ihm aber deutlich, dass sich sein Status nun wohl um 180 Grad gedreht hatte. An einer großen Schautafel hatten alle Schüler des Gymnasiums unter der Überschrift „Danke an unseren Held Torben!“ unterschrieben, in seiner Klasse wurde seine Rückkehr mit lautem Applaus gefeiert und jeder schien ihm auf die Schulter klopfen zu wollen. Nur Kevin blieb ungewöhnlich still in seiner Ecke zu sitzen.

In der Hofpause legte sich der erste Trubel und Torben konnte in Ruhe auf seine Lieblingsbank zurückkehren. Die Aufmerksamkeit war ihm zu viel und wirkte falsch. Niemand hätte ihn von der Straße gestoßen, davon war er überzeugt.

Er war in seine Sammelkarten vertieft, als ein Schatten auf „Pyroleo“ fiel. Torben musste nicht hochschauen, um zu wissen, wer vor ihm stand. In all den Jahren hatte er einen Kevin-Sensor entwickelt. Unweigerlich zuckte er zusammen, weil er befürchtete, die erste Abreibung des Tages zu erhalten. Doch als er nach oben schaute, sah er Tränen in den Augen seines Kontrahenten. Das hektische Durcheinander auf dem Schulhof schien für einen Moment komplett stillzustehen. Alle schauten zur Bank und beobachteten, wie Kevin seine Hand auf die Schulter von Torben legte.

„Danke, dass du mir das Leben gerettet hast. Es tut mir wirklich alles so leid“, brachte er gerade noch hervor, dann begann der sonst so aufrührerische Junge wie ein kleines Kind nach einem Sturz zu schluchzen. Torben war überfordert. Er wollte eigentlich nur schnell raus aus dieser Situation und wieder für sich sein. „Kannst du mir verzeihen?“, fragte Kevin schließlich. Die Stimmung unter den Zuschauern war angespannt, als ob es um einen Heiratsantrag ging und der Gefragte sich für die Antwort ewig Zeit lassen würde. Nur die Romantik fehlte.

Torben dachte nach. Vor seinem geistigen Auge spielten sich wieder all die Aktionen ab, die er in den letzten Jahren erdulden musste. Das Trinkpäckchen mit Schokoladenmilch, dass ihm aus dem zweiten Stock auf den Rücken geschleudert wurde und zerplatzte, die gefaketen Facebook-Bilder von ihm mit einem auffälligen nassen Fleck zwischen den Beinen, die gemeinen Sprüche, die Schläge… Bisher hatte er alles irgendwie runtergeschluckt, doch heute spürte er es in sich brodeln, wie bei einem Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Er ballte seine Faust so stark, dass sich die Fingernägel in die Handfläche grub. Mit der anderen Hand griff er nach einer Krücke und richtete sich mühsam auf.

„Ich vergebe dir“, sagte Torben. Kevin nahm die Hände von seinem Gesicht und schaute ihn erst ungläubig, dann erleichtert an. Schließlich setzte er zu einer Umarmung an, weil er das so aus den mittelklassigen High-School-Filmen kannte. Doch Torben wich zurück.

„Ich vergebe dir, dass du so dumm warst, zu glauben, ein wenig Gejammer und eine Umarmung machen alles wieder gut. Keine Entschuldigung auf dieser Welt kann die letzten Jahre wieder gut machen!“ Es tat gut, das auszusprechen. Die anderen schauten betroffen auf den Boden. „Und ihr seid ein Teil des Ganzen! Ihr werdet immer nach den Schwächeren treten, weil euch das gefällt und euch aus der Schusslinie bringt. Jeder einzelne von euch kann mir gestohlen bleiben!“

Mehr hatte er nicht zu sagen. Er ließ sich auf die Holzbank zurückfallen und widmete sich wieder den Sammelkarten. Der Zuschauerpulk löste sich in seine ungeschriebene Ordnung auf, nur Kevin blieb am Rand zurück. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatten Torben und er etwas gemeinsam: Sie waren allein.

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5 Antworten

  1. bärbel sagt:

    Hallo, du begabter Schreiberling,

    auch diese Kurzgeschichte hat mir sehr gefallen und traf mich direkt in`s Herz, hoffe, dass du du hier nicht Kindheitstraumata verarbeitest, denn ich denke ,dass du trotz Gewichtsproblemen immer einen guten Stand in der Gruppe hattest!!
    Übrigens hab ich nen Schreibfehler fast am Ende der Geschichte entdeckt
    …auf dem Schulhof schien für einen Moment komplett stillZUstehen.

    Weiter so! Freue mich schon auf folgende Kurzgeschichten!

    Dein treuer, dich sehr liebender Fan MUTT

  2. E.Götz sagt:

    Hallo Eric, ich bin sehr erstaunt und freue mich über deine tollen Kurzgeschichten. Hoffentlich lesen diese viele Leute. Das sind Geschichten von heute und regen zum Nachdenken an. Mach weiter so und liebe Grüße! Edeltraud

    • eric sagt:

      Vielen Dank für das Kompliment. Du darfst dir auch gerne selbst auf die Schulter klopfen, denn bei dir wurde die Grundlage hierfür gelegt 🙂 Liebe Grüße!

  3. E.Götz sagt:

    Danke Eric, schön, dass wir uns mal wiedergesehen haben.

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