Gefangen auf Facebook

„Düdelüm.“ Das grelle Läuten aus den vergilbten Lautsprecherboxen riss sie aus dem Schlaf. Wie so oft in den vergangenen Tagen war Julia auf ihrer Laptoptastatur eingenickt. Nur langsam konnten ihre Augen den hellen Bildschirm fokussieren, ihr Herz hingegen war schon seit dem vertrauten Ton auf Höchsttempo.

Die rote 1 rechts oben ließ sie vor Freude schmunzeln. Schon vor einer Stunde hatte sie ihr Profilfoto auf Facebook geändert und bisher lediglich 5 Likes bekommen, was bei über 800 Freunden einem Schlag ins Gesicht gleich kommt. War es die falsche Perspektive? Hätte sie mehr lächeln müssen? War das Zitat „Freie Vögel fliegen und ziehen um die Welt!“ falsch gewählt? Fragen, die sie auch während ihres unruhigen Schlafs verfolgten. „Ich hätte eine bessere Zeit zum Profilbildwechsel wählen sollen!“, ärgerte sie sich schon kurz nach dem Einstellen des Bildes um 2:12 Uhr.

Der Radiowecker auf dem Fensterbrett zeigte nun 3:34 Uhr. Im Hintergrund lag die Stadt verschluckt von der Dunkelheit, nur wenige Lichter kämpften noch gegen das komplette Schwarz an. Julia klickte auf die Benachrichtigung und schreckte zurück.

„Robin Ader gefällt dein Foto.“

Ungläubig drehte sie sich zu dem Foto auf ihrem Schreibtisch. Mit zitternden Händen griff sie danach und hielt es unter das kalte Licht ihrer Energiesparlampe. Robin grinste sie darauf an – fast so, als wäre er noch da. Die ersten Tränen tropften von Julias Wange auf den roten Plastik-Bilderrahmen. Sie schniefte.

Es war nun schon über ein Jahr her, dass Robin nach einem Streit über ihre Facebook-Sucht wütend auf seinem Motorrad verschwand. Sie hatte nie wieder von ihm gehört, sein Handy war abgeschaltet, sein Facebook Account deaktiviert. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Manchmal meinte sie, ihn auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu sehen und winkte ihm zu. Mehr als verwirrte Blicke der verwechselten Person konnte sie jedoch nicht erwarten.

Seit dem Ende ihrer Beziehung verbrachte Julia noch mehr Zeit auf Facebook. Kein Essen, keine neue Frisur, kein neues T-Shirt, das ihre Freunde verpassten. Um ihre Beliebtheit zu steigern, hatte sie ihr Profil vor einem halben Jahr auf öffentlich gestellt und freute sich nun auch regelmäßig über Nachrichten und Anfragen von Unbekannten. All das war Balsam für ihre Seele, auch wenn die meisten Personen offensichtlich aus Ländern kamen, die sie in ihrem Leben wohl nie sehen würde. Der To-Do-Stapel fürs Studium wuchs in der Zwischenzeit auf Hochhaus-Niveau und ihre Exmatrikulation stand aufgrund der Vielzahl verpasster oder nicht bestandener Prüfungen kurz bevor. Noch konnte sie allerdings ihre Eltern mit erfundenen Geschichten aus der Uni hin- und fernhalten, um sich vollends auf ihre Social-Media-Karriere konzentrieren zu können.

Sie klickte noch einmal auf die Benachrichtigungen, sein Name stand immer noch da. Wie automatisch startete sie eine kleine Stalking-Tour über die Suche. Der Blick auf sein Profil verriet ihr nicht viel, außer dass er offensichtlich neu angemeldet war, denn seine Freundeszahl lag bei 0 und er hatte weder ein Profilbild noch sonstige Interessen von sich eingestellt.

Julia klickte auf „Freund hinzufügen“und schon nach wenigen Sekunden ließen ihre Lautsprecher das vertraute Geräusch ertönen: „Deine Freundschaftsanfrage wurde angenommen.“

Mit zitternder Hand nahm sie das verdreckte Glas Wein neben dem Laptop, um es mit dem letzten Rest aus dem Tetrapak zu füllen. Die Suche nach weiteren Alkoholreserven war schon vor ihrem Nickerchen auf der Tastatur negativ ausgefallen, also würde sie sich nun hiermit begnügen müssen. Sie verschluckte sich fast bei dem Versuch, das Glas zu stürzen, denn in die vertraute Stille ihrer 1-Zimmer-Wohnung schnitt erneut die Benachrichtigungsklingel ihrer zweiten Heimat.

„Hey, wie gehts dir?“, schreib Robin im Chat.

Vor lauter Aufregung fiel Julia nichts Anderes als „Geht so. Und dir?“ ein.

„Ganz gut. Toll siehst du übrigens aus.“

Ihr Herz machte Luftsprünge, doch ihre Finger blieben steif. Zu viel war passiert, zu lange hatte sie ihm nachgetrauert, als dass sie nun in belanglosen Small-Talk hätte einspringen können. „Ich hatte solche Angst um dich. Wo hast du nur gesteckt?“, schrieb sie schließlich.

„Ich war viel unterwegs und hab viel gesehen, was man von dir ja nicht unbedingt behaupten kann“, antwortete er.

„Wie meinst du das?“, fragte sie.

„Ich hab mit deinen Freunden gesprochen und sie gebeten, nichts zu sagen. Alle haben mir erzählt, dass du dich zu nichts mehr außer Facebook aufraffen kannst. Du sollst dich regelrecht verschanzen. Es ist also sogar noch schlimmer geworden, als vor einem Jahr?!“

Die Worte trafen sie, denn sie wusste, dass es stimmte. Wenn sie unterwegs war, hatte sie ihre Augen fast ausschließlich auf ihrem Handy. Ihre Freunde hatten irgendwann aufgehört, sich bei ihr zu melden. Gespräche mit ihr seien einfach unmöglich, hatte ihr ihre beste Freundin per Chat gesagt und sie danach als Freunding gelöscht. Julia suchte sich Geborgenheit bei ihren virtuellen Freunden.

„Aber ich will mich doch so gerne ändern, nur allein schaffe ich das nicht!“, schrieb sie zurück.

„Ich habe lange überlegt, weil ich mir schon dachte, dass du Hilfe brauchst. Es gibt eigentlich nur einen Weg, wie wir dich wieder zurück ins Leben holen können.“

Plötzlich klopfte es laut an ihrer Tür. Der Laptopbildschirm mit dem vertrauten Blau verschwomm vor ihren Augen. Krampfhaft versuchte sie sich an ihrem Chat mit Robin festzuhalten, als sie sanft an der Schulter berührt wurde. „Julia, es ist Zeit für dein Vormittags-Therapiegespräch. Ich warte draußen auf dich“, sagte die Frau im weißen Kittel zu ihr.

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