Feuerwehrfest

Er hätte Zuhause bleiben sollen. Das wurde Christian in seiner dunklen Ecke am Rande des Feuerwehrfestes immer klarer. Gemeinsam mit seinem besten Freund Jan saß er in der Nähe des Einganges zum großen Festzelt und beobachtete die Menschen beim Einchecken in die rauchgeschwängerte Welt des Dorffestes.

Männer mit gebügelten Karohemden und gegelten Igelfrisuren führten ihre Freundinnen an der Hand, für die wiederum tief ausgeschnittene Oberteile und Haare mit pinken Strähnchen unabkömmlich zu sein schienen. Die Paare vermischten sich zu einem Einheitsbrei, der an einigen Stellen von Thor-Steinar-Jacken und flippigen T-Shirts mit Sprüchen wie „Bier formte diesen wunderschönen Körper“ ergänzt wurde. Das hier war einfach nicht Christians Welt.

Mit den Beschäftigungen der Dorfgemeinde konnte er noch nie etwas anfangen. Für seine Familie war er ein Taugenichts, der nun in seiner Pubertät gegen den Mainstream rebellierte. In Wahrheit war er dazu jedoch viel zu faul und versuchte lediglich, sich durch sein Auftreten die Menschen vom Leib zu halten, mit denen er ohnehin nichts anfangen konnte.

Eine der wenigen Ausnahmen seiner sozialen Ablehnung war Jan. Sie hatten sich in der Schule kennengelernt, als beide wegen Rauchen auf dem Schulgelände beim Direktor landeten. Jan trug passenderweise an dem Tag ein T-Shirt mit der Aufschrift „No authorities!“ und blieb diesem Motto getreu völlig unbeeindruckt von den Warnungen des Schulleiters. Christian kannte ihn vorher nur aus dem Schulbus, wo er stets alleine saß und den Platz neben sich mithilfe seines Rucksacks und drohenden Blicken freihielt. An diesem Tag im Vorraum des Direktorzimmers entdeckten beide ihre gemeinsame Ablehnung gegenüber der Welt, in der sie gezwungen waren, zu leben.

Sie trafen sich regelmäßig, um ihre Freizeit mit Alkohol und pseudophilosophischen Gesprächen zu verbringen. Die Abgeschiedenheit, die sie sonst so verdammten, war ihnen hier eine große Hilfe, denn in den Wäldern um das Dorf gab es genügend Orte zum Unentdecktbleiben. Daher reagierte Christian auch zunächst mit strikter Ablehnung auf den Vorschlag, das Jahreshighlight im Dorfleben zu besuchen. Doch Jan ließ nicht locker. Vermutlich lag das an seiner neuen Lederjacke, auf deren Rücken er in stundenlanger Heimarbeit einen großen Patch mit einem Stinkefinger genäht hatte. Auch wenn er es nicht zugeben wollte: Er provozierte für sein Leben gerne, vor allem um aufzufallen.

Im Festzelt spielte die Coverband die gleiche Setlist wie im letztes Jahr. Durch den großen Eingang sahen die beiden, wie sich schwankende Ü40-Paare durch die Gegend foxtrotteten und walzerten. Hin und wieder reckten sich behaarte Arme mit einer Faust als Abschluss im Rhythmus der leicht verzerrten Gitarre in die Höhe. Es wirkte beinahe so, als wären die Tanzenden vor der Bühne ineinander verkeilt und einzelne versuchten nach oben zu entfliehen.

„Was für eine gequirlte Scheiße“, sagte Christian und griff nach der Flasche billigen Rotwein, die sie kurz zuvor aus dem örtlichen Supermarkt mitgehen lassen hatten.

„Ach, wart doch ersma ab, bis die hier Mähdallika spieln. Dann jeht der Punk richtich ab“, entgegnete Jan, dessen Strategie, sich direkt in der Getränkeabteilung des Supermarkt zwei Dosenbier in jeweils einem Schluck einzuverleiben, offenbar gewirkt hatte. Mit einem leichten Schluckauf wankte er im Sitzen vor sich hin.

„Die könnten meinetwegen Dritte Wahl spielen, das macht die Band und das ständige Gecovere auch nicht besser. Nur weil man ideenlos ist, muss man das doch nicht gleich komplette Scheiße bauen!“

„Sind halt Punks.“

„Das ist so ziemlich die schlimmste Beleidigung, die ich von dir je gehört habe.“

Knapp vor ihnen bahnte sich die erste Schlägerei des Abends an. In wenigen Sekunden hatte sich ein Kreis aus Menschen um zwei junge Männer gebildet, die sich schubsten und angrunzten. Der Grund wurde trotz der Laute der Beteiligten nicht ganz klar, aber es schien irgendwie mit einem versehentlich verkippten Schluck Bier zu tun zu haben.

„Da tät ich auch ausrasten“, bilanzierte Jan und stand auf, um die Toilette aufzusuchen.

„Pass auf dich auf“, sagte Christian, während Jan die sichere Deckung in Richtung Dixi-Klos verließ. Er blickte ihm nach und es wirkte, als ob Jan eine Tarnkappe trug. Die Schlägerei und die Cover-Version von AC-DCs „Highway to Hell“ im Festzelt war offensichtlich Ablenkung genug für die Gäste. Selbst ein störendes Element in der dörflichen Feierstimmung fiel nicht auf.

Christian schnappte sich die Flasche Wein, in der mittlerweile nur noch ein Bodensatz vorhanden war und versteckte sie in der Bauchtasche seines Hoodies. Seine ersten Schritte sahen aus, als würde er über einen Boden aus Watte laufen. Trotz des schwankenden Gangs fühlte er sich blendend und steuerte auf den Festzelteingang zu. Der Gitarrist der Band hatte gerade den letzten Akkord gespielt und reckte das Plektrum in seiner Hand gen Himmel. Offenbar stand er in seiner Phantasie vor einer tosenden Menge tausender Heavy-Metal-Fans, die seine Gitarrenkünste mit Pommesgabeln goutierten. In der Realität des Feuerwehrfests hingegen mussten die lauten Rülpser der Anwesenden als Anerkennung genügen.

Mit entschlossenem Schritt ging Christian zur Bühne und setzte sich an den Rand, um sich die Technik der Musiker genauer anzuschauen. Musik war die große Ausnahme seines generellen Desinteresses an der Welt. Zuhause sammelte er verschiedene Instrumente und stellte sich manchmal vor, wie er als anerkannter Künstler durch die Welt tourte.

Die Vielzahl an Effektpedalen des Gitarristen brachte ihn zum Kopfschütteln.

„Ne ordentliche Sammlung, oder?“, fragte der Gitarrist der Band, der jetzt ein Handtuch um den Hals trug und damit glücklicherweise seine dichte Brustbehaarung verdeckte, die aus dem tiefen V-Ausschnitt seines T-Shirts hervorsprießte.

„Allerdings“, antwortete Christian.

„Alles in allem sind das 30 Effektpedale. Da kann man schon ordentlich was mit anstellen, wenn man so gut spielen kann, wie ich“, sagte der Mann und warf sich beiläufig mit einer Hand die langen Haare zurück über die Schulter. Durch die Glatze auf seinem Kopf wirkte es, als würden seine Haare versuchen, die Flucht nach unten hin anzutreten.

„Wenn man so gut spielen kann, wie du, ist es dann nicht deprimierend, nur Melodien zu klimpern, die nicht von dir sind? Oder kannst du dir nichts selbst einfallen lassen?“

Die Frage brachte den Gitarristen sichtlich aus dem Angeber-Takt. Genüsslich setzte Christian den letzten Schluck lieblichen Rotwein an und beobachtete beim Trinken, wie sich sein Gegenüber eine möglichst gute Antwort überlegte.

„Naja, die Leute kommen doch her, um zu feiern. Und da sind doch die Klassiker am besten! Außerdem krieg ich ein nettes Sümmchen für den Gig hier.“

„Und was? Paar Bier, ’ne Bratwurst und das Taxigeld?“

Im Augenwinkel des Gitarristen konnte Christian eine kleine Träne erkennen und wusste, dass sein eigentlich absurder Tipp richtig war. Trotzdem spürte er keinen Funken Mitleid. Zu sehr musste er sich darauf konzentrieren, seine Sätze fehlerfrei vorzutragen.

„Hm, ich geh jetzt in den Backstage-Bereich“, sagte der Mann leise. Beiläufig wischte er sich die Träne mit dem Handtuch aus dem Gesicht.

„Du meinst die Bierbank neben den Dixie-Klos hinter dem Festzelt?“, fragte Christian und lachte laut. Der Gitarrist verließ mit gesenktem Kopf im Eiltempo die Bühne.

Christian stand auf und hielt nach Jan Ausschau. Er wollte diesen kleinen Moment des Triumphs über schlechte Cover-Musiker mit jemanden teilen. Wie vereinbart sah er in diesem Moment die schwankende Silhouette seines Kumpels vor dem Festzelt.

„Alles gut bei dir?“, fragte er, als er Jan erreichte.

„Nee. Ich wollte mir die Klopperei noch bissl angucken. Jetzt stehn die Bauern alle bei so ’nem alten Typen, der wegen irgendwas rumheult. Nur Bekloppte hier!“

„Lass uns mal nach Hause gehen und ich erzähl dir ’ne Geschichte, die dir gefallen wird“, sagte Christian und nahm Jan unter die Arme.

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3 Antworten

  1. Heffenträger Bärbel sagt:

    Hallo Eric,

    kurze Kurzgeschichte, die e bissel nachdenklich stimmt und ah e bissel traurig, wenn man bedenkt, dass auch wir in nem kleinen Städtchen wohnen und sich so oder so ähnlich auch die Stimmung auf dem alljährlichen Feuerwehrfest beschreiben lässt.
    Mach weiter so, du kleiner Poet- einen Fan hast du immer L.G. de Mutt

  2. Fesoj sagt:

    schön Heffi, äh Eric,
    Wenn man so die Entwicklung betrachtet, hast du von den Veritas Texten zu diesen Textkorpora einen großen Schritt Richtung Weltliteratur gemacht! Und so authentisch!
    Die Jüngeren der Carohemdenträger – also die neuen Dorfjugendfussballmanschaftstrainer oder halbtagssecurity – hatten bestimmt auf ihrer used look Jeans hellen Cordstoff eingearbeitet, oder?!

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