Der Fliesentisch

Das Sofa knarrte, als Achim sich vorlehnte und nach seinem Bier griff. Sein Platz war mittlerweile so tief eingesessen, dass es einer gewissen Anstrengung bedurfte, um sich zu erheben. Schlaff ließ er sich zurück in seine Sitzkuhle fallen, worauf das Sofa mit einem bedrohlichen Knacken reagierte. Er nahm das aber kaum wahr, denn seine Aufmerksamkeit galt vollends dem Geschehen im Fernsehen.

Es war Sonntagabend und seine Lieblingssendung lief. Schüchternen, von der Gesellschaft ausgestoßenen Menschen sollte in dem Format bei der Suche nach der großen Liebe geholfen werden. Dafür gaben die Kandidaten einen Einblick in ihr Leben und ihre teilweise seltsam anmutenden Hobbies. Achim ging es nicht um Romantik. Für ihn war die Zurschaustellung der Menschen beste Unterhaltung.

Gerade wurde Robert vorgestellt, der Funkgeräte sammelt und in einem kleinen Zimmer bei seiner Mutter im Haus lebt. „Der famose Funker“ wurde er im Untertitel genannt. Als die Kamera auf ihn schwenkte, wie er gerade ungelenk versuchte, ein Funkgerät in den Gang zu bringen, musste Achim laut lachen. Dabei lief ihm etwas Bier aus dem Mund, welches er mit seinem Unterhemd wegwischte. „Muss eh in die Wäsche“, dachte er sich und warf dabei einen flüchtigen Blick auf den Senffleck, der dort seit dem Mittagessen eintrocknete und begann, langsam wie alter Putz abzubröckeln.

„Claudia, komm schnell und guck dir den an!“, rief er in Richtung Küche zu seiner Frau. „Und bring noch n Bier mit!“, ergänzte er direkt.

Sie war gerade damit beschäftigt, ihren leeren Blick aus dem Fenster zu üben, als sie das Gegrunze ihres Mannes vernahm. Sie seufzte, griff nach einer neuen Flasche im Kühlschrank und stellte sie vor Achim auf den Fliesentisch im Wohnzimmer. Er dankte ihr mit einem lauten Pfurz, den er mit seiner Hand in die Umlaufbahn wedelte. Nach einem kurzen Blick auf den Fernseher drehte sie sich wieder um und ging zurück in Richtung Küche.

„Ey, wieso bleibst du nicht?“, fragte Achim, der seinen Blick auch bei der Frage nicht vom Bildschirm löste. „Guck dir doch mal den Trottel an! Der sammelt Funkgeräte! Hahaha!“ Seine Wampe wackelte mit seinem Lachen.

„Ich hab noch sauber zu machen“, log Claudia. Auf dem Weg in die Küche ging sie an dem Schrank vorbei, indem er seine Münzsammlung untergebracht hatte.

Als sie das Wohnzimmer verlassen hatte, grub Achim in seiner körpereigenen Miene in der Mitte seines Gesichts mit seinem Zeigefinger nach verborgenen Schätzen. Als er fündig wurde, schmierte er das Ergebnis schnell neben dem Bierfleck auf seinem Unterhemd ab. Schließlich benötigte er den Finger wieder, um in Richtung der Flimmerkiste zu zeigen und laut über die Menschen zu lachen, die für ihn armselige Clowns waren.

Gerade sollte Klaus, „der bebrillte Bananenaufklebersammler“, zwei Frauen kennenlernen. Im Bild sah man, wie er einsam auf einem Bahnsteig im Nirgendwo stand, in der Hand zwei Bananen, und auf den Regionalzug aus einem anderen Nirgendwo mit seinen Kandidatinnen wartete. Achim schoß schnell ein Bild mit seinem Smartphone und schickte es an seine Kumpels mit dem Untertitel „Ich krieg mich nicht mehr ein. Solche Idioten!“.

Plötzlich klopfte es an der Wohnungstür. „Claudia, mach mal auf. Ich kann grad nich!“, rief er in Richtung der Küche.

„Ich kann auch nicht“, rief sie mit einem breiten Grinsen auf ihrem Gesicht zurück. „Mach du mal auf!“

„Aber mein Unterhemd ist dreckig!“

„Is doch bestimmt eh nur Simon von nebenan“, rief sie. Das letzte Wort wurde von einem erneuten Klingeln verschluckt. „Geh schon, ich kann wirklich nicht!“

Mit der Agilität einer Schildkröte erhob sich Achim und schlurfte in Richtung Tür. Er öffnete sie mit einem Ruck und wurde stark geblendet. Ein Scheinwerfer und eine Kamera waren direkt auf ihn gerichtet, ein Reporter hielt ihm ein Mikrofon mit dem Logo seines Lieblingssenders unter die Nase.

„Hallo Achim und willkommen bei unserer Show ‚Unbemerkt im TV‘! Deine Frau hat uns angerufen und gesagt, dass du einer großen Fan unserer Sendungen bist. Also wollten wir sehen, wie viel Spaß du tatsächlich beim Zuschauen hast.“ Nach seiner Einleitung wartete der Reporter nicht auf eine Antwort von Achim. Er drehte sich zur Kamera und sagte: „Und nun, liebe Zuschauerinnen und liebe Zuschauer, haben wir einen Zusammenschnitt der 10 lustigsten Momente der vergangenen 2 Jahre mit Achim für Sie!“

Der Scheinwerfer ging kurz aus und der Reporter nutzte die Möglichkeit, sich persönlich vorzustellen. Achim war wie versteinert, während das gesamte Team an ihm vorbeirauschte und im Wohnzimmer auf die vielen versteckten Kameras und Mikrofone deutete. Im Durchgang zur Küche stand seine Frau und hat vom Lachen mittlerweile Tränen in den Augen. Sie hielt eine Flasche Bier zum Anstoßen in Richtung Achim hoch und zwinkerte mit einem Auge.

In der Hosentasche vibrierte sein Smartphone. Es war eine eine Nachricht seiner Kumpels in ihrer WhatsApp-Gruppe mit einem Foto von ihm, wie er mit seinem dreckigen Unterhemd und glasigen Augen zum Mikrofon starrte. Unter dem Bild stand: „Guck mal Achim! Der Assi grad im TV sieht aus wie du :-D!“

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2 Antworten

  1. Burnilein sagt:

    Grandios! Finde ich ganz toll. Bitte weitermachen!

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