Der erste Flug

6:32 Uhr. Eigentlich keine Uhrzeit, die für Florian mit dem Zustand des Wachseins in Verbindung stand. In den vergangenen Tagen war es eher der Punkt des Tages, an dem seine Schlafphase begann. Semesterferien bedeuteten schließlich, endlich eine Ausrede dafür zu haben, auch unter der Woche erst mit der Nachmittagssonne aufzustehen. Für ihn kam diese Zeit des Jahres am ehesten an seinen Lebenstraum „Nie endendes Wochenende“ heran.

In den vergangenen Jahren blieb er vor allem in Berlin. Die Stadt schien zu jedem Zeitpunkt in Bewegung, wodurch er das Gefühl bekam, selbst ständig voranzukommen. Voranzukommen im Vertrauten. Seine Freundin Ina hatte deshalb einige Probleme, ihn für zwei Wochen aus seinen Partyplanungen herauszureißen und stattdessen einen Urlaub fernab vom eigenen begrenzten Horizont zu machen.

Skeptisch hatte er mit ihr die Flugtickets nach Mallorca gebucht. Seine Argumente, er fühle sich nicht wohl in Flugzeugen und außerdem seien auf Mallorca doch nur Prolls, ließ sie abprallen. „Meine Eltern waren erst da und da ist es kein bisschen mehr so, wie auf Ballermann 6! So schöne Natur und so viele nette Menschen!“ Schlussendlich drohte sie sogar damit, stattdessen mit ihrem besten Freund wegzufahren. Auf seine Eifersucht konnte sie immer zählen.

So saßen sie nun auf den harten Metallstühlen vor dem Check-In-Schalter und warteten darauf, ihr Gepäck gegen Boardingkarten einzutauschen. Um sie versuchten andere Reisende entweder krampfhaft, eine bequeme Liegeposition über die Armlehnen hinweg einzunehmen oder gaben sich genüsslich den Zuhause geschmierten Broten hin. Florian war enttäuscht über die unspektakuläre Atmosphäre und fragte sich, ob dies wirklich der Flughafen der Hauptstadt sein könnte. Vielleicht hatte sie der Taxifahrer aus Spaß an einer alten Bahnhofshalle rausgelassen? Mit der Vorstellung des schallend lachenden Taxifahrers nickte er schließlich im Sitzen weg.

Er träumte von einem weichen Bett und angenehmeren Uhrzeiten. Das Bett begann nach einer Weile plötzlich zu wanken und seinen Namen zu rufen. Schließlich spritzte es ihm irgendeine Flüssigkeit ins Gesicht. Gerade als er aufstehen wollte, um das Bett zur Rede zu stellen, realisierte er, dass Ina ihn mit einer Ladung Wasser zurück in die Realität geholt hatte.

„Bist du bescheuert? WAS SOLL DAS?“, fragte er sie.

Um ihn herum hatte sich die Welt um eine Stunde nach vorne gedreht. Überall rannten jetzt Leute durch die Gegend und er fand sich allein auf der Sitzreihe, die vorher von wellenförmig gelagerten Menschen besetzt war. Die Schlange an ihrem Check-In-Schalter führte in einem Kreis um ihn herum und alle starrten ihn mit einem breiten Grinsen an.

„Wir haben verschlafen und müssen uns jetzt schleunigst anstellen. Die fliegen sonst noch ohne uns!“, sagte Ina aufgeregt und sammelte nebenbei ihr Gepäck zusammen. Fast hätte Florian „Na und?“ geantwortet, konnte sich aber noch kurz vorher der zwischenmenschlichen Katastrophe entziehen, die diese Frage zwischen ihm und Ina ausgelöst hätte.

Nach einer halben Stunde Wartezeit hievte er ihre beiden Koffer nacheinander auf die Waage.

„Guten Morgen“, lächelte sie die Mitarbeiterin der Fluggesellschaft an. „Der zweite Koffer hat 4 Kilo Übergewicht. Das macht dann Zusatzkosten von 215,79 €.“

Florian schaute wütend auf Ina, die versuchte sich mit ihrem „Ich hab doch nur 2 Pullover eingepackt“-Blick zu entschuldigen. „Ja, ziehen sie es einfach von meiner VISA-Karte ab“, sagte er zu der Mitarbeiterin, die in der Zwischenzeit ihre Boardingkarten vorbereitet hatte. „Das haben wir schon“, antwortete sie und lächelte tapfer weiter. „Hier sind ihre Flugtickets. Da sie unsere beiden letzten Passagiere für heute sind, konnte ich sie leider nicht zusammensetzen. Ich hoffe, das ist kein Problem.“

Er nahm die Tickets entgegen und wollte sie gerade auf die Sitzplatzreservierungen hinweisen, für die er und Ina bereits 50 € bezahlt hatten, da gingen vor ihm schon die Rollläden runter, hinter dem die aufgesetzte Freundlichkeit verschwand. Ratlos schaute er zu seiner Freundin. Als erfahrene Fliegerin konnte sie ihn nur trösten, dass der Flug ja kurz sei. „Das ändert nicht viel für jemanden, der zum ersten Mal in ein Flugzeug steigt“, dachte sich Florian und versuchte, seine Angst runterzuschlucken.

Die Sicherheitskontrolle und Suche nach ihrem Gate verlief problemlos. Nur Ina hatte vergessen, ihre Waschtasche umzupacken und trauerte nun der halben Drogeriefiliale nach, die sie im Mülleimer neben dem düster dreinschauenden Security versenken musste.

Am Gate wurde Florian von fremden Menschen mit den Worten „Na, ausgeschlafen?“ begrüßt. Seine zunehmend schlechte Laune mischte sich mit starkem Unwohlsein. Der Mittelpunkt war für ihn schon immer ein Ort, den er gerne anderen überließ. Am liebsten wäre er schon an der Gepäckabgabe in einen Koffer gekrochen, um dann im Bauch des Flugzeuges befördert zu werden. Mit all den Blicken der anderen Passagiere war er jetzt sogar bereit, den übertriebenen Aufpreis für das Übergewicht zu bezahlen.

Möglichst unauffällig suchte er sich und Ina freie Plätze am Rande der Wartenden. Sie begann sofort die Frontkamera ihres Handys zu aktivieren und Fotos von sich selbst aus verschiedenen Winkeln zu machen. Hin und wieder hörte Florian ein leises Seufzen gepaart mit irgendeinem Fluch aufgrund ihrer verlorengegangenen Schminke. Er registrierte das alles beiläufig, denn die Aufregung vor dem bevorstehenden Flug hatte ihn jetzt vollkommen im Griff.

„Entschuldigen Sie! Das können Sie hier nicht machen“, hörte er eine Stimme sagen.

„Was denn? Sitzen?“, fragte Ina aufgebracht.

„Nein, Selfies! Wir haben hier eine klare No-Selfie-Policy. Gehen Sie bitte zu Gate 20, dort ist ein Selfie-Bereich. Wir verleihen dort auch Selfie-Stangen, dann müssen Sie sich nicht mehr so verrenken.“

Der Sicherheitsbeamte ging so schnell, wie er gekommen war. Verdutzt schaute Florian seine Freundin an, die wiederum sehnsüchtig in Richtung Selfie-Bereich schaute. Dort war grad ein kleiner Kampf ausgebrochen, da die Sonne hervorkam und perfektes Licht für das erste Selfie des Tages lieferte.

„Untersteh dich! Wir fliegen gleich los und es ist mein erster Flug, also lass mich nicht alleine!“

„Och, hast du etwa Angst? Mimimi“, antwortete die sonst so verständnisvolle Ina, blieb dann trotzdem sitzen und fotografierte sich heimlich hinter ihrem Rucksack.

Wenige Minuten später wurden die Boarding-Gruppen nacheinander aufgerufen. Der lange, lichtdurchflutete Gang zum Flugzeug wirkte ein wenig wie ein Weg ins Jenseits. Die Geräuschkulisse um Florian verdichtete sich. Von irgendwoher hörte er ein gegröhltes Schlagerlied und befürchtete, dass dies wirklich der Weg ins Jenseits sein könnte.

Nachdem sich beide zum Eingang des Flugzeuges vorgekämpft hatten, wurden sie zunächst durch die Business Class geleitet. Dies schien der Art der Fluggesellschaft zu sein, nachdrücklich zu sagen: „Hättet ihr lieber mal mehr bezahlt und würdet nicht Holzklasse fliegen!“

An ihren Plätzen angekommen, drängelten bereits die nachrückenden Passagiere, das Handgepäck schnellstmöglich zu verstauen. Zu Florians Freude saßen er und Ina nicht weit auseinander, jedoch weit genug, um nicht Händchen halten zu können. Neben und hinter ihm waren noch alle Plätze frei, sodass er für eine kurze Zeit die Hoffnung hegte, jemand hatte sich kurzfristig gegen den Flug nach Mallorca entschieden.

Er begann eine Entdeckungsreise in dem kleinen Universum namens Sitz 20C, das ihm für die nächsten 3 Stunden gehören würde. In dem Ablagefach vor ihm waren zwei Zeitungen der Fluggesellschaft und eine Kotztüte verstaut. Er entschloss sich, Letztere in seinem Rucksack zu packen, denn es war das ideale kostenfreie Souvenir. Das Sammerlherz seines guten Freundes Christoph würde Luftsprünge machen.

Das Multimediasystem beschränkte sich auf eine Kopfhörerbuchse in der Armlehne. Florian versuchte seine Kopfhörer anzuschließen und musste dabei feststellen, dass die Musik nur auf einem Ohr lief und noch dazu Ballermann-Schlager war. Er drehte sich herum und fand Ina ein paar Sitzreihen weiter hinten. Gerade wollte er per Gestik fragen, was das denn für eine Scheiße im Radio wäre, als er sah, wie sie bereits mit ihren Sitznachbarn zu den vermeintlichen Hits aus den Kopfhörern den anstehenden Urlaub feierte. Genervt zog er sich in seinen Sitz zurück und schaute aus dem kleinen Fenster, vor dem Männer in Warnwesten Flugzeuge wie Hunde durch die Gegend winkten.

Jemand tippte auf seine Schulter. Als er sich umdrehte, fielen ihm sofort die tiefblauen Augen seines Gegenübers auf. Dann wanderte sein Blick nach unten auf das Tanktop, auf dem in großen rosa Lettern vermerkt war, dass Mallorca wohl nur einmal im Jahr sei. An beiden Seiten standen die Arme im 45-Grad-Winkel ab, näherer Kontakt zum Körper schien durch die dicken Oberarme des jungen Mannes unmöglich. Kein Zentimeter an diesem Körper schien untrainiert. „Ey, Meester, machste mal Platz für ein paar schlaue Sitzplatzreservierer?“, fragte der Muskelprotz mit rauer Stimme. So lernte er Olaf kennen.

Florian ging zur Seite, damit Olaf und seine vier Freunde die Plätze um ihn herum besetzen konnten. Es dauerte keine zwei Minuten, bis einer mit Kopfhörern in den Ohren rief: „Geil Olaf, die hamm hier richtige Partykracher am Start.“ Florian ahnte, dass dies ein langer Flug werden würde.

Bis zum Start verhielt sich die Bodybuilder-Gruppe noch ruhig. Mehrere von ihnen hatten Probleme, mit ihren dicken Fingern die kleinen Knöpfe in der Armlehne zu drücken. Ab und zu hörte man ein Fluchen, wenn einer auf dem Klassiksender gelandet war. „Boah Alter, voll die Studi-Mucke hier drauf. Geh mir weg, ICH WILL PARTY!“, rief es dann aus einer Ecke, bis jemand mit kleineren, weniger durchtrainierten Fingern die richtige Taste drücken konnte.

Als das Flugzeug auf der Startbahn stand und plötzlich beschleunigte, wurde es ganz still in der Gruppe. Instinktiv hatte Florian sich an seiner Armlehne festklammern wollen, doch glücklicherweise noch rechtzeitig festgestellt, dass diese bereits von einem großen Haufen Muskelfleisch besetzt war. So schloss er einfach die Augen in der Hoffnung, dass das komische Gefühl im Magen schnell vorüberging.

Kaum war der feste Boden verlassen, gingen die Hände der Gruppe in die Höhe, um im Takt zum nächsten Hit auf dem Schlagerkanal mitzuklatschen. Einige Leute drehten sich herum und bedachten vor allem Florian mit genervten Blicken, da er bei den fünf Muskelpaketen im Größenvergleich wirkte, wie ein Streichholz zwischen Baumstämmen.

Er löste den Gurt, um zu Ina zu gelangen. Kaum auf den Beinen, stand neben ihm eine Stewardess. „Das Anschnall-Zeichen ist noch an. Sie dürfen jetzt nicht aufstehen!“, sagte sie und die Blicke auf ihn wandelten sich von genervt in vorwurfsvoll. Die Stewardess tippte Olaf neben ihm an und bat ihn, etwas auf Florian aufzupassen, damit er nicht nochmal aufsteht, wenn das rote Lämpchen leuchtet. Wie ein fürsorgevoller Vater nickte Olaf und legte seinen dicken linken Arm um den scheinbar millimeterdünnen Hals von Florian. Die andere Hand formte er zur Faust und rieb mit den Fingerknöcheln über seinen Kopf. „Ick pass schon off auf meenen kleenen Racker!“, sagte er, woraufhin der Rest seiner Gruppe lautstark lachte. Florian war sich sicher, dass die Blicke nun nicht mehr nur gefühlt Löcher in seinen Körper bohrten.

Gerade als das Zeichen mit einem Ping-Geräusch erlosch, arbeiteten sich die Flugbegleiter mit den Getränken durch den Gang. Die Stimmung stieg dadurch merklich bei seinen Sitznachbarn. „Ob die och janze Eimer hamm?“, lachte der mit Nerd-Brille am Fenster, während sein Kumpel hinter ihm meinte: „Is doch ejal, hauptsache es dreht in der Schüssel!“ Das löste bei allen ein synchrones Nicken aus.

„Einen Sangria, bitte“, sagte Olaf, als die Stewardess mit ihrem kleinen grauen Metallwagen neben ihnen zum Stehen kam. Florian musste kurz lachen. Die Bestellung hatte er das letzte Mal von einem 14-Jährigen gehört und im Kontext des Fluges klang sie umso absurder.

„Ich glaub, da musst du dir was anderes raussuchen“, sagte er zu Olaf, dessen himmelblaue Augen sich schlagartig zu einem Sturm verdunkelten. „Willst wohl alles alleene?“, fragte Olaf zurück und griff an ihm vorbei, um das große Glas mit roter Flüssigkeit entgegenzunehmen.

Entgeistert schaute Florian die Stewardess an. „Das ist doch nicht wirklich Sangria, oder?“, fragte er sie aufgeregt, während neben ihm bereits angestoßen wurde.

Die Stewardess beugte sich nach unten und flüsterte ihre Antwort in sein Ohr: „Natürlich nicht. Das ist alkoholfreier Sangria, um die Partywütigen für die Dauer des Flugs zu beruhigen.“ Er verstand zwar nicht, wie das tatsächlich zur Beruhigung der Truppe um Olaf führen sollte, war aber dennoch beruhigt, dass aus den Proleten nicht noch betrunkene Proleten werden konnten.

Als sich der Gang wieder gelichtet hatte, wollte Florian einen neuen Versuch unternehmen, um nach Ina zu sehen. Da machte es wieder „Ping“. Olaf hatte die Bewegung neben sich bemerkt und griff ruckartig nach Florians Arm. „Mensch Kleener, du willst doch nicht wieder Ärger bekommen, oder? Hier, nimm einen Schluck Sangria, dann geht’s dir besser.“

„Ich verzichte lieber auf Alkohol während des Flugs“, sagte er und musste bei der Lüge ein wenig in sich hinein grinsen.

„Dann kannste das hier trotzdem trinken, is nämlich keiner drin!“

Florians Gesicht wandelte sich in ein Fragezeichen.

„Ick bin doch nich doof. Die hamm hier Angst vor n bissl Party in the Air“ – Olaf sprach es „barti in sie ähr“ aus – „und schenken nur Alkoholfreies aus. Aber wir hamm vorjesorgt und bissl Schnaps ausm Duty Free mit reingeschmuggelt.“

Olaf schaute sich kurz um, griff in die Ablage vor ihm und holte eine kleine Flasche Rum hervor. Wie ein kleines Kind mit Feuerwerkskörpern schaute er sich beim Aufschrauben immer wieder um und kicherte leise vor sich hin. Auch die anderen seiner Gruppe hatten vorgesorgt und begannen, ihr alkoholfreies Weinmischgetränk in ein hochprozentiges Rum-Weinmischgetränk zu verwandeln. Der Geräuschpegel stieg erneut und Florian zog sich mit seinen Kopfhörern tief in seinen Sitz zurück. Nach ein paar Minuten übermannte ihn die Müdigkeit.

Als er wieder aufwachte, schauten ihn alle erneut mit einem breiten Grinsen an. „Bin ich fucking Bill Murray in ‚Täglich grüßt das Murmeltier‘, oder was?“, dachte er sich und rieb sich die Augen.

„Na, Kleener, ausjeschlafen?“, fragte Olaf, wobei seine Mundwinkel weit nach oben gezogen waren. Er wirkte damit etwas wahnsinnig.

„Ja, aber was ist …“, wollte Florian gerade ansetzen, als er die schwarze Farbe an seinen Händen bemerkte. Ruckartig sprang er auf, überhörte die meckernde Stewardess über seine erneute Rebellion gegen das Anschnall-Zeichen und rannte in Richtung Toilette.

Der große Spiegel in der kleinen Nasszelle bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen. Um seine Augen waren dicke schwarze Kreise gezogen, auf einer Wange thronte ein Penis und unter seiner Nase befand sich ein Bärtchen, das keinerlei Zweifel mehr an der Dummheit der „Künstler“ auf den Nachbarsitzen ließ. Über Letzteres ärgerte er sich am meisten.

Mühsam rubbelte er sich mit dem einlagigen Papier die Schmierereien aus dem Gesicht. Es fühlte sich an, als würde er mit Sandpapier nach seinem eigentlichen Gesicht suchen. 10 Minuten später war kaum noch etwas von dem Schwarz zu sehen, dafür leuchtete sein ganzer Kopf rot.

Es klopfte an der Tür. „Jetzt ist aber gut, wir landen in 5 Minuten und Sie müssen nun wirklich an Ihren Platz zurück!“ Die Stimme der Stewardess klang schon etwas besorgt und Florian war sich sicher, dass es wohl nur noch ein paar Sekunden dauern würde, bis sie die Tür mit einem Notschlüssel öffnete. Und wenn sie keinen hatte, würde die Aufgabe wohl liebend gern sein Sitznachbar erledigen.

Er öffnete die Tür, entschuldigte sich bei der Frau und ging mit hängendem Kopf an seinen Platz zurück. Weiter hinten sah er Ina, die scheinbar tief und fest schlief oder vielleicht nur so tat, weil ihr die ganze Sache so peinlich war.

Olaf empfang ihn herzlich und sagte, dass sie alle schon Angst gehabt hatten, Florian würde für immer in der Toilette bleiben. Er versuchte, die letzten Minuten einfach mitzuspielen und rang sich ein Lächeln ab. Olaf kam näher und flüsterte ihm ins Ohr: „Was die Stewardess da mit dem Edding angestellt hat, fand ich auch echt zu heftig. Aber scheiß drauf – Malle ist nur einmal im Jahr!“

Es war Florian vollkommen egal, wer verantwortlich für sein bemaltes Gesicht war. Er wollte einfach nur noch raus aus dem engen Flugzeug und hoffte auf die Möglichkeit, mit einer Fähre den Rückweg ans Festland bestreiten zu können.

Während er so vor sich hin fluchte, bemerkte er gar nicht, wie das Flugzeug auf der Landebahn aufsetzte. Erst als ein paar Leute begannen zu klatschen wurde ihm klar, dass sein erster Flug nun zu Ende war. „Endlich mal gute Stimmung hier“, stupste ihn Olaf noch einmal von der Seite an.

Ina sah er erst nach ihrem Ausstieg aus dem Flieger wieder. Sie nahm ihn in die Arme und sagte: „Na, das war doch alles gar nicht so schlimm, oder? Du scheinst ja sogar gute neue Freunde gefunden zu haben.“ In diesem Moment lief Olaf an ihnen vorbei und klopfte Florian auf die Schulter. „Bis gleich Ina!“, sagte er und zwinkerte ihr zu.

In Florian stieg die angestaute Wut der letzten Stunden nun an die Oberfläche. „Wieso zwinkert dir der scheiß Proll zu und woher kennt der deinen Namen?“

„Um ehrlich zu sein kennen wir uns.“

„Wie? Ihr KENNT EUCH?“

„Ja, Olaf ist ein guter Freund von mir und lustigerweise sind wir zur selben Zeit nach Mallorca geflogen.“

„Der Halbaffe ist ein guter Freund? Was soll das?“

„Ich habe mit Absicht einen Platz für dich neben ihm gebucht und alles so aussehen lassen, als wäre das Zufall. Ich wusste, dass ich dich nicht gut genug ablenken könnte auf deinem ersten Flug und wollte dir die Angst nehmen.“

„Und da lässt du mich lieber alleine sitzen und mich zum Gespött aller machen?“

„Hattest du denn zu irgendeinem Zeitpunkt noch Angst vorm Fliegen?“

Florian versuchte, seine Wut zurückzuhalten. Er musste sich eingestehen, dass sie Recht hatte. Das machte ihn noch wütender.

„Komm, sei mir nicht böse. Wir sind auf Mallorca und alles hat ohne Probleme geklappt. Lass uns unser Gepäck holen, damit die anderen nicht ewig warten müssen.“

„Die anderen?“

„Ja, Olaf hat uns angeboten, dass wir mit seinen Freunden im Partybus zum Hotel fahren können. Das ist doch nett von ihm, oder?“

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