Schlussstrich

Manfred saß allein an der Theke. Über die kleinen Musikboxen an der Wand dudelte ein regionaler Radiosender. Das Gequatsche des Moderators und die sich nur selten öffnende Tür waren die einzigen Bezugspunkte von der Eckkneipe zur Außenwelt. Die Fenster hatte der Betreiber der Kneipe schon länger mit Holzwänden verkleidet. Er wollte vermutlich verhindern, dass jemand auf die dumme Idee des frühzeitigen Abbruchs seiner Trinktour durch die untergehende Sonne kommen könnte.

Die Luft um Manfred war so dicht vom Rauch, dass er nicht erkannte, ob noch jemand an einem der Tische saß. Er hätte sich allerdings auch in einer großen Menschenmasse einsam gefühlt.

Vor ihm stand ein halbvolles Glas Bier und ein leeres Schnapsglas. Er witzelte gern, dass dies das Dessert seines Drei-Gänge-Abendbrots sei. Das führte hin und wieder zu einem heiseren Lacher, war aber eigentlich die Wahrheit. Mit dem Unterschied, dass es für ihn selten bei einem Dessert blieb. Heute um 17 Uhr war es bereits sein Sechstes.

Ihn hielt nichts mehr Hier und Jetzt. Er fühlte sich überfordert von der Welt und seinen eigenen Ansprüchen an das Leben. Unzählbare Male war er Nachts durch die Straßen gewankt, dabei immer die Fragen im Kopf: „Das soll jetzt alles gewesen sein? Geht da nicht mehr?“ Doch er wusste auch nicht, was dieses „Mehr“ war, wonach er im Leben suchte. Die Ziellosigkeit macht die Betrunkenheit zum Ziel.

Langsam wurde sein Kopf schwerer durch den Alkohol, der durch seinen Körper jagte. Vorsichtig legte er ihn auf seinen Arm auf der Theke und schaute in Richtung des Casino-Automaten, der seine bunten Lichter wie Fangarme nach neuen Glücksrittern auszuwerfen schien. Eine Achterbahn vor seinen Augen begann gerade Fahrt aufzunehmen, als es ihm kräftig in der Schulter piekste.

„Ey“, lallte er zur Person hinter sich und folgte mit seiner Bewegung langsam dem Klang seiner eigenen Stimme. „Was is?“

„Hier wird nicht geschlafen, Freundchen!“, hörte er die Stimme des Barkeepers Gerald sagen, noch bevor dessen Gesicht in sein Blickfeld trat.

„Hab ich nich! Ich hab nur gehört, was die Theke zu sagen hat.“

„Und, was sagt se?“

„Dass sie mehr vom Leben erwartet hat.“

Es hätte keine 13 Jahre Barkeeper-Erfahrung gebraucht, um Gerald sofort klar zu machen, dass ihn nun ein philosophisches Gespräch über Leben und Tod mit Wortfindungsstörungen erwarten würde. Aber darauf war er vorbereitet. Eigentlich mochte er das sogar ganz gern, denn es verkürzte gefühlt seine Schicht. Außerdem ließ es ihn sich besser als die vielen Häufchen Elend fühlen, die er tagtäglich zu bedienen hatte. Manfred war ihm ohnehin ein wenig ans Herz gewachsen, da er anders wie die üblichen Schnapsdrosseln war.

„Was ist denn los Manne?“, fragte er, nachdem er wieder an seinen Arbeitsplatz hinter der Zapfanlage zurückgekehrt war.

„Keene Ahnung. Tagein tagaus die gleiche Scheiße. Ich hab das Gefühl, ich schlepp mich von Stunde zu Stunde und nur das Bier ist ein Trost.“

„Und der Schnaps.“

„Richtig, und der Schnaps“, pflichtete Manfred Gerald bei, hob sein leeres Glas an und ließ den letzten Tropfen klarer Flüssigkeit in seine Kehle hinabgleiten. Beide mussten kurz lachen. Das Geräusch wirkte in dem Räucherkasten deplatziert. Eher hätte man rasselnden Husten und schluchzende Menschen erwartet, die durch die Abwesenheit von Frischluft und Tageslicht in eine tiefe Depression gefallen sind.

„Aber warum machst du denn nicht mehr aus der Zeit, die dir hier bleibt?“, fragte Gerald. „Versteh mich nicht falsch. Als mein Kunde will ich dich natürlich nicht vergraulen. Du kommst regelmäßig, trinkst viel, verhältst dich ordentlich und bezahlst mit Trinkgeld – eigentlich bist du der Liebling eines jeden Kneipenbetreibers. Aber ich weiß auch, dass du studiert hast und fit bist, solange du nicht gesoffen hast.“

Gerald konnte sehen, wie sich hinter Manfreds glasigen Augen die Gedanken drehten. Er selbst war seit 5 Jahren trocken und wusste, das der Alkohol jeden klaren vorbeifliegenden Gedanken schnappte, um ihn umzustoßen und aus seiner Bahn zu bringen. Am Ende nahm er sich entweder nur die Teile der Selbstüberschätzung oder die der Selbstunterschätzung und ließ sie durch. Meinungen, Zukunftsentwürfe, Träume – alles wurde in schwarz-weiß getaucht.

Gerade als Gerald dachte, Manfred wäre wieder weggenickt, antwortete dieser: „Aber wofür denn?“

„Wie wofür denn?“, fragte Gerald nach. Er war sich durch das Gelalle seines Gegenübers nicht sicher, ob er ihn richtig verstanden hatte.

„Ja, wofür denn?! Klar kann ich runterkommen. Klar kann ich aufhören mit der Sauferei. Klar kann ich mit Anzug in irgendeiner ausbeuterischen Firma sitzen. Klar kann ich dicke Kohle scheffeln und am Abend in meinen 3000-Euro-Sessel sinken. Aber wofür denn?“

„Wer sagt denn, dass du einer der Menschen werden musst, die du immer gehasst hast, nur weil du nicht mehr täglich versuchst, die Gedanken der Theke in einer Assikneipe aufzuschnappen?“

„Ey!“, raunzte es aus einer der hinteren Ecken. Weder Gerald noch Manfred konnten durch den Rauch sehen, wer dort saß. Sie wussten aber aufgrund der Stimme, dass es Harald sein müsste. Seine Lebenszeit verbrauchte auch er mit Vorliebe hinter den verrammelten Fenstern der Eckkneipe.

„Jaja, komm schon, du weißt, wie ichs meine. Oder willst du etwa behaupten, das hier ist das Hilton?“, blaffte Gerald zurück in die Ecke. Zurück kam nur ein verächtliches Grummeln. Auch ohne Harald zu sehen, wusste Gerald, dass er gerade mit seiner Hand abwinkte. Dann knallte es kurz auf dem Tisch. Das war das Zeichen, dass Harald nach seiner kurzen Intervention wieder zurück zum Kniffel gegen sich selbst gekehrt war.

„Natürlich muss ich nicht so werden. Aber was soll ich denn sonst mit dem Leben anfangen? Ich hab echt keine Ahnung“, sagte Manfred und überraschte damit kurz seinen Gesprächspartner. Gerald hatte nach der Unterbrechung nicht damit gerechnet, dass Manfred den Faden ihrer Unterhaltung noch hätte aufnehmen können.

„Gibts denn nicht die Tage, wo du aufwachst, dein Schädel brummt wie Hölle und du ärgerst dich, dass du dein Leben wegwirfst?“

„Doch, schon, die gibt es.“

„Na siehst du. Solange du dieses Gefühl hast, solltest du dir selbst in den Arsch treten und wieder auf die Beine kommen. Es gibt tausende Dinge, die dich mehr erfüllen werden, als den Kneipenrekord im Stiefelsaufen aufzustellen oder im Kniffel gegen Harald zu gewinnen.“

„Hat er doch noch nie!“, kam es erneut aus der Ecke. Dann knallte der Würfelbecher wieder auf den Tisch.

Beide schauten sich an und mussten wieder lachen.

„Warum versuchst du mich hier aufzubauen?“, fragte Manfred, dem das Nachdenken über den Sinn des Lebens langsam wieder nüchtern werden ließ.

„Weil ich selber an dem Punkt war. Aber ich hab es geschafft, mich an den restlichen Haaren auf meiner Platte wieder rauszuziehen. Mit einem Fuß werde ich immer in der Scheiße stecken bleiben, aber das hier ist meine Therapie.“

„Das hier erfüllt dich? Tagtäglich im Dunst zu versinken, dummes Geschwätz zu hören und Besoffene rauszuwerfen?“

„Ja, ich weiß, dass das komisch klingt. Aber ich habe an keinem anderen Ort die Möglichkeit, die Leute zu finden, von denen ich überzeugt bin, dass man sie noch retten kann vor dem totalen Untergang.“

„Bist du so etwas wie die Zeugen Jehovas nur für Alkis, oder was?“

Gerald lachte kurz. „Interessiert dich das wirklich?“, fragte er ihn mit einem Zwinkern.

Plötzlich verschwamm die Welt um Manfred wieder. Heftig ruckelte es erneut an seiner Schulter. „Genug geschlafen du Suffi!“, schnauzte ihn eine bekannte Stimme von der Seite an.

Langsam hob Manfred seinen Kopf von der Theke hoch. An seinem linken Mundwinkel hing noch etwas Spucke, die er sich mit seinem dreckigen Pullover wegwischte. Vor ihm stand Gerald und schaute einigermaßen wütend.

„Denkst du, hier kommt noch einer rein zum Bier trinken, wenn man so einen Honk wie dich auf der Theke liegen sieht? Bezahl deine Zeche und dann raus!“

Es dauert noch ein paar Sekunden, bis Manfred merkte, dass sein Zwiegespräch mit Gerald nur ein Traum gewesen war. Behände wühlte er in seiner Hosentasche und zerrte einen zerknüllten 50er-Schein raus. Er zog ihn glatt, legte ihn auf die Theke und schaute Gerald in die Augen.

„Ich wollte eh gerade gehen. Und ich werde nie wieder hier reinkommen“, sagte Manfred mit fester Stimme.

„Dann geh halt woanders saufen. Vielleicht findest du ja einen Laden mit Hängematte, du Null!“

„Nein, du verstehst mich nicht. Ich werde nie wieder irgendeine Kneipe betreten, nur um mich dort besinnungslos zu saufen. Und das verdanke ich dir.“

Irritiert schaute Gerald dem treuesten Kunden der letzten Jahre hinterher, als dieser zur Tür ging, sie öffnete und das schmerzende Licht der Außenwelt in den Räucherbunker trat. Er rief ihm noch hinterher, dass 50 Euro viel zu viel für seine Rechnung war, doch Manfred drehte sich nicht mehr um.

Nie mehr.

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