Das Geheimnis des Haxenstands

Harald knurrte der Magen, wie immer nach einem ausgedehnten Baumarktbesuch. Eigentlich hatte er nur nach einer neuen Zimmerpflanze gesucht, aber die große Angebotsfläche mit Malerbedarf war einfach zu verlockend. Aus seiner Leidenschaft als Schnäppchenjäger hatte er noch nie einen großen Hehl gemacht und außerdem verlangte das Wohnzimmer in seiner 2-Zimmer-Wohnung schon lange nach einem neuen Anstrich. 20 Jahre Lucky Strike Marathon-Rauchen hatte seine Spuren hinterlassen.

Nachdem er Roller, Abtropfgitter und Farbeimer in seinen kleinen Suzuki eingeladen hatte, ließ er zufrieden den Blick über den spärlich gefüllten Parkplatz wandern. Das große Glück des Rentner-Daseins war für ihn, außerhalb der Stoßzeiten einkaufen zu gehen. So störte ihn höchstens hin und wieder eine Mutter mit ihrem schreienden Kleinkind. Dank seines ausgiebig trainierten grimmigen Blicks brachte er mittlerweile aber auch das aufgebrachteste Baby zum Schweigen, sodass er um sich eine Atmosphäre der Ruhe geschaffen hatte, in der er an diesem Tag auch essen wollte.

Am anderen Ende des Parkplatzes fand er das Schild, nachdem er gesucht hatte: „Trudels rollende Haxenstube“. Die rote Plastikwerbung mit gelber Leuchtschrift war auf einem alten Wohnmobil angebracht, vor dem sich unter einem großen Wellblech mehrere leere Stehtische befanden. Die allgemeine Lust auf Schweinshaxe schien am Morgen um 10 Uhr noch sehr gering, was Haralds Plan zugute kam. „Wenn man kein Frühstück macht, darf man auch mal um 10 Uhr Mittag essen“, dachte er sich, während er über den asphaltierten Platz spazierte.

Zu spät bemerkte Harald, dass er bei Trudel nicht alleine sein würde. In einer Ecke stand ein älterer Mann, der gerade dabei war, die letzten Fleischreste vom Knochen zu nagen. Ab und zu tropfte ein Klecks brauner Soße aus dessen Mundwinkel auf die Wachstischdecke, den er dann beiläufig mit seiner Jeansjacke wegwischte. Harald gab sich Mühe, jeglichen Blickkontakt zu vermeiden, um unnötigen Gesprächen aus dem Weg zu gehen. Das Schmatzen des Mannes konnte er jedoch nicht verdrängen. Wie hypnotisiert stand er vor der Angebotstafel und versuchte sich darauf zu konzentrieren, das Meiste auf dem Teller für das geringste Geld zu bekommen.

„Na mein Schöner, wat willst’n haben?“, riss ihn eine weibliche Stimme aus dem Inneren des Wohnwagens aus seinen Berechnungen. Harald drehte sich zur Verkaufstheke und sah eine korpulente Frau mit geblümter Schürze. Sie trug ein Haarnetz, was angesichts der hygienischen Zustände aber wohl eher modischen, als praktischen Hintergrund hatte.

„Ich weiß nicht genau“, stotterte Harald zusammen.

„Wie, du weißt nicht genau? Falls du nich lesen kannst: Hier jibts Haxe. Die einzige Frage ist: Mit Kartoffelbrei oder Pommes?“

„Hm, na dann mit Kartoffelbrei.“

„Den jibts heute nicht. Heute ist Pommes-Dienstag“, sagte die Frau, deren Name offensichtlich Trudel war.

„Dann eben mit Pommes“, sagte Harald, dessen Geduldsfaden schon wieder mächtig angespannt war.

„Jeht doch. Vier fufftsch bitte.“

Harald suchte zerknirscht sein Kleingeld zusammen. „Da wäre ein Döner billiger gewesen“, dachte er sich. Trudel nutzte die Zeit, um erste Vorbereitungen zu treffen. Mit bloßen Händen griff sie in die Kühltruhe vor sich und fischte eine der „frischen“ Haxen heraus, die sie dann auf einen Teller legte und in die Mikrowelle schob. Harald ahnte, dass ein Döner auch gesünder gewesen wäre.

Neben ihm rülpste der andere Gast im Imbiss, nachdem er einen großen Schluck aus der Bierflasche genommen hatte, die er unter dem Stehtisch versteckte. „Säufst du schon wieder Mitgebrachtes, Eddi?“, schrie Trudel an Harald vorbei, dessen Ohren empfindlich auf die Lautstärke reagierten. Sein Puls stieg.

„Wenn du nur schlechtes Bier verkaufst!“, rief Eddi zurück.

Harald gab Trudel sein Geld und ging an den am weitesten entfernten Tisch. Über ihm hing eine kleine Lautsprecherbox, die irgendeinen Radiosender übertrug. Die zwei Moderatoren redeten wenig und lachten viel. Er schaute grimmig auf den Parkplatz und wünschte sich, lieber die letzte Dose Erbsensuppe Zuhause warmgemacht zu haben.

Aus dem Wohnwagen tönte das „Bing“ der Mikrowelle. Harald drehte sich um und sah, wie Trudel die Temperatur seiner Haxe mit ihren Fingern prüfte. Offensichtlich war es noch nicht so weit, denn sein Essen wanderte für weitere Runden zurück in die Maschine. Eddi rülpste erneut, Haralds Puls stieg weiter.

Um sich abzulenken, stellte er sich vor, wie schön sein Wohnzimmer nach dem neuen Anstrich aussehen würde. Er ging den Raum Wand für Wand durch und lächelte zufrieden. Wie und ob er die riesige Schrankwand in Nussbaumoptik wegräumen würde, war ein Gedanke, den er heute beiseite schob. Er kochte eh schon auf ziemlich hoher Flamme vor sich hin. Sein leerer Magen tat Übriges.

Plötzlich änderte sich die Geräuschkulisse. Das penetrante Lachen der Moderatoren aus dem Radiolautsprecher rückte in den Hintergrund, selbst Trudels laute Eigeninterpretation von „Sexbomb“ verebbte in Haralds Ohren immer mehr. Er konnte das neue, immer lauter werdende Gegacker zunächst nicht einordnen. Dann sah er die Gruppe von ca. 40 Kleinkindern mit Erzieherinnen, die sich bedrohlich in seine Richtung bewegte.

Harald brach spontan Schweiß auf der Stirn aus. Hastig drehte er sich zu Trudel um und rempelte dabei unbemerkt Eddi, der mit einem lauten Rülpser reagierte und zusätzlichen emotionalen Stress bei Harald auslöste.

„Wie lang dauert’s noch?“, versuchte Harald noch zurückhaltend nach seinem Essen zu fragen.

Trudel bemerkte ihn nicht. Ihre Antwort war musikalisch: „Sexbomb, sexbomb, you’re a sexbomb…“

„Hey! Wie lang dauert’s noch?“, fragte er wieder.

„Immer mit der Ruhe Schätzchen. Du willst doch deine Haxe nicht kalt essen!“, antworte Trudel, sichtlich genervt, in ihrer Gesangsübung gestört worden zu sein.

„Ist mir egal. Packen sie es bitte einfach zusammen, ich machs mir Zuhause warm.“

Die Kinderlieder in seinem Rücken wurden immer lauter.

„Hm, na wenn sie das wollen. Da muss ick aber ’ne 2 Euro Mitnehmpauschale berechnen“, sagte Trudel.

„WAS?“

Haralds Halsschlagader pulsierte. Zähneknirschend suchte er in seiner Hose nach weiteren 2 Euro, während Trudel aus seinem Blickfeld verschwand. Wenigstens die Kindergartengruppe schien verstummt, zumindest war das Gegacker nicht mehr zu hören.

„Wo ist sie denn?“, fragte Harald sich selbst und suchte den Wohnwagen durch das Verkaufsfenster nach ihr ab. Außer einer Mikrowelle und einem großen Stahlkessel schien es keine weiteren Kochgeräte zu geben. Stattdessen war er sich sicher, in einer Ecke ein Reagenzglas erspäht zu haben. Er fühlte sich verarscht, seine Augenlider zuckten vor Wut. Da zupfte plötzlich irgendjemand an seiner Jacke.

Er machte sich bereit, es mit Eddi aufzunehmen. Nachdem er sich herumgedreht hatte, schaute er jedoch nicht in die glasigen Augen des rhythmischen Rülpsers, sondern in 40 kleine Knopfaugen, die sich um die Stehtische drängten. Irgendwer zählte „1, 2, 3, 4“ und schon ertönte in einer unerträglicher Stimmhöhe das Lied „Die Vogelhochzeit“.

Harald schaute grimmig und fluchte, doch die Kinder schienen nur immer lauter zu werden. Hektisch suchte er nach einem Ausweg und fand einen kleinen Weg vorbei am gefühlt schon schreienden Chor hinaus in die Freiheit. Er rannte, ohne Blick zurück, in Richtung Suzuki. Dort angekommen, startete er den Motor und fuhr mit quietschendem Reifen vom Parkplatz. Sein Hunger war der Wut gewichen und er wollte nicht wieder Probleme mit der Polizei bekommen. Manchmal war Flucht der vernünftigste Weg.

„Puh, da hamm wa aber Schwein jehabt“, sagte Trudel zu ihrer Tochter, die die Kindergartengruppe gerade wieder aus dem Imbissstand leiten wollte.

„Und ich sag noch: Lass nicht die ganze Nacht durchkochen! Wir brauchen mehr Zeit zum aufräumen“, schimpfte Eddi.

„Ach du wieder. Die Tarnung ist doch unschlagbar. Und wenn wir das Zeug verkauft haben, dann willste ja trotzdem wieder deinen Anteil, du gieriger Hund“, antwortete Trudel.

„Danke Martina, das war Rettung in letzter Sekunde“, rief sie ihrer Tochter hinterher. Eddi griff unter die Ladentheke und holte zwei Säcke mit blauem, kristallinen Stoff hervor.

„Ich fahr dann mal ausliefern“, rief er Trudel zu, während er in seinen neuen, schwarzen Audi einstieg. „Viel Spaß noch beim Haxen verkaufen!“

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