Weihnachten ist Krieg

Mit kräftigen Faustschlägen pochte Konrad an die Wohnungstür von Familie Müller. Er hatte aufgehört zu zählen, mit wie vielen Türen seine Hände heute bereits Bekanntschaft gemacht hatten. Die Liste aus der Agentur zählte insgesamt 30 Adressen und die Müllers waren erst Nummer 17. Dabei hätte er schwören können, dass es mindestens die Vorletzten waren.

Kurz vor seinem Auftritt begann sein Bart heftig zu jucken. Schon bei der Übergabe des Weihnachtsmannkostüms war er sich sicher, dass es nicht nach jedem Einsatz gereinigt wird. Er hatte sich gut zugeredet mit der Hoffnung, dass es überhaupt schon einmal eine Waschmaschine von innen gesehen hatte. Doch so langsam kamen ihm auch da seine Zweifel, aber das war wohl der Preis für schnelles Geld mit einem Studentenjob. Und leuchtende Kinderaugen lassen schließlich jeden Juckreiz vergessen.

Da er keine Hand frei hatte, rieb er sein Gesicht an seinem Gehstock. In der Wohnung schien es noch ruhig, also schloss er seine Augen und genoss die kleine Auszeit. Leise öffnete sich währenddessen die Tür und ein kleiner, verängstigter Junge stand vor Konrad. Erst als dessen Vater hinzukam und sich räusperte, realisierte Konrad, dass die Bescherung Nummer 17 des heutigen Abends bereits begonnen hatte.

„Oh, ähm, Ho ho ho! Draus vom Wald komm ich her“, sagte er und sah, wie der Vater ihm erleichtert zunickte. „Darf ich denn reinkommen?“, fragte er den kleinen Jungen, der laut seiner Liste auf den Namen Tristan hörte. Tristan nickte und krallte sich am Hosenbein seines Vaters fest.

Mit Mühe huckelte Konrad den schweren Leinensack über seine Schulter und ging in die Wohnung. Das Wohnzimmer war voll besetzt. Alle Familienmitglieder schienen gekommen zu sein, um Tristans Bescherung mitzuerleben. Bevor er ein Wort sagen konnte, reichte ihm ein älterer Herr ein Schnapsglas. „Hier, damit gehts besser. Kleiner Tipp von einem langjährigen Leidensgenossen“, sagte er. Da die anderen noch damit beschäftigt schienen, Tristan zu beruhigen, nahm Konrad die Einladung an und spülte den Kurzen runter. Sein Magen rebellierte schlagartig.

„Was ist das?“, fragte Konrad den grinsenden Mann, während er seinen Brechreiz unterdrückte.

„Selbstgebrannt. Das ist besser, als so ein lascher Korn, oder?“

Konrad entschied, sich ein paar Schritte von dem Mann zu entfernen, um Schlimmeres zu verhindern. Tristan schien mittlerweile auch bereit zu sein, schließlich ging es heute um seine Geschenke. Gerade als Konrad den Jungen fragen wollte, ob er auch artig war, begann einer der Gäste auf dem Sofa zu jubeln. „Geiles Ding, Alter! Habt ihr das gesehen?“, fragte er in die Runde und zeigte auf den großen Röhrenfernseher. Dort lief ein Best Of der Bundesligatore 2014 ohne Ton.

„Mach das Ding doch mal aus Olaf!“, pflaumte der Vater von Tristan den Mann auf dem Sofa an. Ein wenig beleidigt folgte er der Aufforderung und grummelte irgendeine Beleidigung in seinen dicken Schnauzer.

Tristan ließ sich davon nicht ablenken. Mit großen Augen schaute er Konrad an und begann ohne Aufforderung „Stille Nacht“ zu singen. „LAUTER!“, rief Olaf vom Sofa, was ihm die zweite Verwarnung von Tristans Vater einbrachte. Die Frauen in der Runde summten mit und versuchten damit offensichtlich, den Störenfried in der Runde zu übertönen. Als Tristan seinen Vortrag beendet hatte, klatschten sie und grinsten, als wären gerade unzählige kleine Kätzchen durch die Tür ins Zimmer gekommen. Nur Olaf schien nicht zufrieden zu sein.

„Ich musste früher für meine Geschenke ein einstündiges Programm aufführen“, beschwerte er sich.

„Früher hast du dich in deinem Zimmer versteckt, sobald der Weihnachtsmann vor der Tür stand und hast geheult wie ein Schlosshund, kleines Brüderchen“, sagte der Vater und wandte sich dann zu Tristan: „Ich bin stolz auf dich. Das hast du toll gemacht!“

Konrad beschloss die Strategie der Frauen anzuwenden und Olaf zu ignorieren. „Das war super. Aber sag mal Tristan, bist du denn auch artig gewesen?“ Zögerlich nickte der kleine Junge. „Können das denn die Anderen hier bestätigen?“, fragte Konrad noch einmal in die Runde. Glücklicherweise blieb es ruhig. Die letzte Ansage von Tristans Vater schien bei Olaf gewirkt zu haben. Erleichtert begann Konrad damit, die Geschenke aus dem Sack zu holen und sie dem Jungen zu geben. Doch statt der Euphorie, die er bei den anderen Kindern erlebt hatte, blieb Tristan merkwürdig ruhig, schien sogar fast ein wenig traurig.

„War das alles?“, fragte der Junge, als er sein letztes Paket in Empfang genommen und auf einen bemerkenswert großen Haufen hinter sich aufgeschichtet hatte.

„Ja“, antwortete Konrad ein wenig irritiert. Im Hintergrund beobachtete er den Vater, wie er wild gestikulierend zu vermitteln versuchte, den Besuch jetzt schnellstmöglich zu Ende zu bringen.

„Keine Playstation?“, fragte Tristan enttäuscht.

„Das weiß ich nicht. Die Geschenke verpacken meine Helferlein. Aber pack doch erstmal in Ruhe aus. Ich bin mir sicher, dass da tolle Sachen dabei sind.“

„Jedes Mal, wenn ich mit Papa in den großen Laden gehe, guck ich mir die Verpackung für die Playstation an. Das hier ist alles kleiner!“ Tränen begannen über die Wangen des Jungen zu fließen. Sein Vater nahm ihn in die Arme. „Ich habs mir so doll gewünscht und war ganz brav. Warum hat mir der Weihnachtsmann keine Playstation gebracht?“, fragte er seinen Vater.

„Ich weiß es auch nicht. Vielleicht kann der Weihnachtsmann nicht richtig lesen.“ Konrad schaute den Vater ungläubig an. Eiskalt war er ihm in den Rücken gefallen.

Tristan drehte sich wütend zu Konrad um. „Du bist doof!“

„Genau Tristan, richtig so! Hol dir, was du dir verdient hast!“, stimmte Olaf mit ein. Selbst die Frauen in der Runde, die ihn vorher freundlich angesehen hatten, schienen von der Wut über die nicht vorhandene Playstation angesteckt. Der alte Mann in der Ecke schüttelte mit traurigem Blick seinen Kopf und goss sich ein neues Glas Schnaps ein. „Du hast es vermasselt“, schimpfte er.

Konrad beschloss, dass nun ein guter Zeitpunkt war, zu verschwinden. „Ok, ich geh dann mal“, sagte er, als ihn der erste Weihnachtskeks am Arm traf. Olaf und Tristan hatten sich bereits ihre Hände vollgeladen und begannen, ihren Unmut Luft zu machen. „LÜGNER! LÜGNER!“, riefen sie immerfort. Er schnappte sich seinen Leinensack und verließ den Raum im Lauftempo. Im Hintergrund hörte er die Familie lachen und klatschen.

„Was für ein Haufen Spinner“, sagte er vor sich hin. „Und was für ein scheiß Job“, fügte er im Gedanken hinzu, als er endlich im grauen Treppenhaus stand und durchatmen konnte. Er nahm seinen Bart ab und ging langsam runter in Richtung Ausgang.

„Hey, warte kurz!“, rief ihm der Vater aus der Eingangstür hinterher.

Konrad blieb stehen. „Was wollen sie? Mir noch einen Keks gegen den Kopf werfen?“, fragte er wütend.

„Nein, tut mir leid, was da drin passiert ist. Ich hätte ihnen das vorher sagen sollen. Wir hatten kein Geld für eine Playstation dieses Jahr und ich habe keinen anderen Ausweg gesehen“, sagte der Mann und hielt ihm einen 20-Euro-Schein als Trinkgeld hin.

„Und da haben sie gedacht: Schieben wir die Schuld auf den Studenten?“, fragte Konrad und nahm die 20 Euro.

„Ja, das war der einfachste Weg. Bitte seien sie nicht böse. Es ist doch Weihnachten und …“ Der Vater von Tristan suchte nach den richtigen Worten, um den gebuchten Weihnachtsmann ein wenig zu beruhigen.

„Und Weihnachten ist Krieg“, beendete Konrad den Satz und machte sich auf den Weg zu Nummer 18 auf seiner Liste.

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2 Antworten

  1. bärbel sagt:

    Schöne Kurzgeschichte, wird leider in vielen Wohnzimmern so oder so ähnlich abgelaufen sein- die große Bescherung. Man hätte aber dem Studenten ruhig vorher seine Rolle in diesem Stück erklären können. Naja, das nächste Weihnachten kommt bestimmt und vielleicht hat ja dann der Student e bissel mehr Glück und eine Playstation im Sack. L.G. und weiter so!!

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