Wiedergefunden

Stephan hasste Brandenburg. Während seine Kommilitonen jedes Wochenende Ausflüge in die elterliche Obhut unternahmen, war für seine Nerven der Halbjahresrhythmus Geburtstag-Weihnachten gerade so zu ertragen. Lieber lud er seine Eltern nach Berlin ein, die ihn mit ihren Kommentaren wie „Also hier wäre mir ja zu viel los“ immer wieder in seiner Entscheidung für die Großstadt bestärkten. Er konnte nicht mal genau sagen, was ihn so sehr an dem kleinen Dorf und dem Häuschen seiner Erzeuger störte. Vermutlich war es eine Mischung aus all den bekannten Contras, die Stadtmenschen aufzählten, wenn sie nach ihrer Meinung über das Leben in einer Kleinstadt befragt worden. Ganz bestimmt war es aber die Engstirnigkeit der Menschen.

Als ihn seine Eltern nach einer Woche Haus und Hund hüten für die Zeit ihres Urlaubs fragten, steckte er in einer Zwickmühle. Auf der einen Seite stand seine tiefe Ablehnung gegenüber dem Dorf, auf der anderen Seite die ökonomischen Erwägungen, denn Wohnung und Unterhalt in Berlin bezahlten sie. Wie so oft in seinem Leben entschied sich Stephan für die Vernunft und gegen seine Überzeugungen. „Ein bisschen Ruhe kann ja nicht schaden“, sagte er sich und wog sich in falscher Sicherheit.

Er reiste per Mitfahrgelegenheit mit einer jungen Lehramtsstudentin an, die aufgeregt über ihren ersten Vortrag in der Uni zum Thema „Wissenschaftliches Schreiben“ erzählte. Auch Stephans Versuche, sich schlafend zu stellen, hinderten sie nicht daran, das Ereignis in allen Facetten auszuschmücken. Fragen wie „Und, wo kommst du her?“ beantwortete er mit einem gekünstelten Schnarchen, woraufhin sich seine Fahrerin einfach selbst antwortete. Irgendwann begann sie noch von einer Hausparty in der Einöde zu erzählen, zu der sie heute gehen wolle. Stephan konnte sich das Grinsen nicht verkneifen, denn Hausparty und Dorf waren zwei Dinge, die für ihn einfach nicht zusammengingen.

Sein Vater holte ihn an der Tankstelle an der Autobahnausfahrt ab. Während seine Fahrerin ihm noch hinterrief, dass es „voll supi“ war mit ihm, ließ er sich in den roten Ledersitz neben seinen Vater sinken, der den Gesprächsball der Unbekannten sofort aufnahm. „Bitte, Paps, ich brauch jetzt dringend Ruhe“, sagte Stephan.

Sein Vater lachte. „Die wirst du in der nächsten Woche noch zur Genüge bekommen.“

„Hoffentlich“, dachte sich Stephan.

Nach einigen Minuten Fahrt vorbei an Feldern kamen sie zu dem blaugestrichenen Haus, indem er seine Kindheit verbracht hatte. Von der Eingangstür kam seine Mutter freudestrahlend direkt auf das Auto zugerannt. Stephan sah sie schon über die Motorhaube purzeln, doch sie schlug kurz zuvor einen Haken und stand nun neben dem Beifahrerfenster, an das sie aufgeregt klopfte. Langsam öffnete er die Tür und ließ sich von ihrer Liebe überschütten.

Das Abendbrot bestand vorrangig aus Gesprächen rundum Stephans häusliche Aufgaben während der Abwesenheit seiner Eltern. Ohne zuzuhören kaute er auf seinem Leberwurstbrot herum und sehnte sich nach der versprochenen Ruhe. Zu seinem Glück klingelte wenig später das Flughafentaxi an der Tür. „Denk bitte daran, täglich die Blumen zu gießen, sonst gehen die ein!“, rief sein Vater beim Einsteigen noch Stephan hinterher, der kurz winkte und mit einem langen Seufzer die Tür hinter sich schloss. Früher empfand er das leere Haus immer als unheimlich, nun wollte er die Stille vor Freude umarmen.

Das Klingeln an der Haustür machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Es war eigentlich unüblich, dass seine Eltern etwas vergaßen, aber auf der anderen Seite waren sie ja auch nicht mehr die Jüngsten, dachte sich Stephan und öffnete die Tür.

„Keule! Ick werd nich mehr! Hab ja schon jedacht, deine Alten hau’n gar nich mehr ab, ey!“, dröhnte ihm eine vertraute Stimme entgegen.

„Sorry, aber wer …“, begann Stephan zu fragen.

„Sag bloß nich, du erkennst mich nich mehr! Ick bins, Malte!“

Stephan wusste natürlich, wer Malte war. Irgendwie hatte er dennoch gehofft, dass da jemand stand, der sich verirrt hatte und nicht sein bester Kumpel von früher. „Malte, klar Mann! Was machst’n du hier?“

„Deine Mum hat mir jeflüstert, dass de mal wieder in der Stadt bist und da dacht ick: Des trifft sich jut, wo ich doch grade arbeitslos bin.“

„Suchst du nicht seit dem Abi nen Job?“, fragte Stephan, der sich schon nach der Frage darüber ärgerte, sie gestellt zu haben, weil sie klang, als wäre er etwas Besseres.

„Haha, kann ja nich jeder sein Studium von Mama und Papa in den Arsch jeblasen bekommen, wa? Watt is nu? Lässte mich rein?“

„Eigentlich wollte ich grad noch was für die Uni machen.“

„Manches ändert sich nie, wa?! Komm schon, kleines Streberle, ick hab jetzt fast eine Stunde draußen in meiner Karre jewartet, bis reine Luft ist. Uni kannste auch noch morgen erledigen!“

Malte griff nach links und holte eine Kiste Bier hervor, um sich damit hineinzudrängeln. Stephan seufzte wieder und wünschte sich, dass Rudi, der Schäferhund seiner Eltern, Malte gar nicht erst aufs Grundstück gelassen hätte. Doch auch Rudi war alt und zog es vor, in seiner Hundehütte zu dösen, anstatt potentiellen Einbrechern hinterherzubellen.

Nachdem Malte den Kasten auf dem Wohnzimmertisch platziert und seine Lieblings-Metallica-CD in die Anlage geworfen hatte, entschied sich Stephan dazu, heute abend lieber zu trinken, bevor sein Blutdruck zu hoch steigen würde. Zwei Sturzbier durch den von Malte mitgebrachten Schütter erzielten schnell die gewünschte Wirkung. Sie drehten die Musik lauter und spielten auf Luftgitarre das Solo von „One“ nach. Ein erneutes Klingeln an der Tür hinderte sie daran, bis zum Ende zu spielen.

„Wer soll das denn sein?“, fragte Stephan. Zu laut konnte es ja nun wirklich nicht sein, zumal der nächste Nachbar gut 500 Meter entfernt wohnte.

„Ach ditte is bestimmt nur der Benni“, sagte Malte. „Ick dachte, n Bierchen mit alten Freunden kannste dir doch mal jenehmigen, wa?!“

Stephan wusste, dass es für Einwände zu spät war und nahm sich vor, am nächsten Tag ein Verjag-den-Fremden-Training mit Rudi durchzuziehen.

Er öffnete die Tür und vor ihm standen neben Benni sein ehemaliger Banknachbar, noch zwei weitere bekannte, aber eigentlich verdrängte Gesichter. „Was wird das hier? ‚N Klassentreffen?“, fragte Stephan.

„Ach komm schon, wir hamm auch Bier mitjebracht!“, sagte Benni und alle drei griffen ins Dunkel hinter sich, um jeweils eine Kiste Bier anzuheben.

„Was habt ihr denn vor? Ich dachte, ihr wollt nur auf n Bier vorbeikommen?“

„Machen wir ja. Du weißt doch, dat bei uns die Maßeinheiten etwas anders laufen“, sagte Tristan und pfurzte kurz daraufhin. Alle lachten, bis auf Stephan. Er entschloss sich in diesem Augenblick, einfach ein paar Bier mehr zu trinken, um die Gesprächsthemen des Abends zu ertragen.

Die nächste Stunde entwickelte sich gut und er konnte sogar hin und wieder über die Geschichten lachen, die seine ehemaligen Klassenkameraden erzählten. Selbst als sich die Runde um ein paar Gesichter vergrößerte, blieb er ruhig, schließlich ist die maximale Menge an jungen Menschen im Dorf schnell erreicht.

Während Stephan sich schwankend seiner letzten 3 Bier auf dem Klo seiner Eltern entledigte, klingelte es erneut. Mittlerweile war er schon gar nicht mehr böse, sondern eher gespannt, wer es diesmal sein konnte. Er musste sich eingestehen, dass er tatsächlich Spaß hatte.

Draußen im Flur hörte er eine bekannte weibliche Stimme, die er nicht einordnen konnte. Malte schien fortlaufend „Psst, Pssst“ zu sagen, als ob er nicht hören wollte, was die junge Frau zu sagen hatte. Als Stephan mit seinem Geschäft fertig war und nach dem neuen Gast schauen wollte, kam er zunächst nicht durch die Klotür. Irgendetwas schien zu klemmen.

„Kann mir hier mal jemand raushelfen?“, rief er.

„Jeht gleich los!“, sagte Benni.

„Alter, habt ihr mich hier einjesperrt?“, fragte Stephan ohne zu merken, dass er in den Dialekt seiner Heimat zurückfiel.

„Nee, wart nur ma kurz. Ick hab grad wat in der Hand.“

„Ja, ick kann dir auch sagen, was. Die Türklinke, du Ochse!“

Die Klinke senkte sich und Stephan konnte aus seinem Kurzzeit-Gefängnis heraus. Die Anzahl an Schuhen hatte sich plötzlich locker verdreifacht. Er ahnte Schlimmes, als er zurück ins Wohnzimmer ging.

Das Licht war ausgeschaltet und er hörte nur leises Gekicher. Er drückte den Lichtschalter und sah vor sich plötzlich eine Menge unbekannter Gesichter. Alle riefen: „Überraschung, Alteeer!“ Im Hintergrund wurde eine dieser scheuslichen Mallorca-Fetenhits-CDs seiner Eltern auf voller Lautstärke aufgelegt, irgendjemand spritzte Bier durch die Gegend. Die Party hatte eine Eigendynamik entwickelt. Er konnte nur fassungslos zuschauen und sich ein Getränk reichen lassen.

„Du auch hier?“, fragte hinter ihm die Stimme, die er während seines Kloganges gehört hatte. Er drehte sich um und erkannte seine Fahrerin aus der Mitfahrgelegenheit wieder.

„Nee, eigentlich bin ich noch auf Toilette. Mein Körper ist nur schon mal vorgegangen“, antwortete er spontan.

Sie lachte. Stephan war wütend. Er wollte nicht lustig sein. Wenn das hier schon sein musste, wollte er wenigstens mit seinen Kumpels aus alten Zeiten trinken und nicht wieder über Uni und belanglose Teenie-Themen reden. Auf der anderen Seite fühlte er sich mit jedem Schluck Bier mehr zu ihr hingezogen und der Rest im Raum war auch mit Flirten beschäftigt. Die CD war mittlerweile bei Mickie Krause angekommen, der das Land Mexiko mit dem Zustand, den Finger im Po zu haben, in Verbindung brachte.

Nachdem Stephan ihr eine Stunde zugehört hatte, schlug er vor, sein altes Kinderzimmer zu zeigen. Die Kontrolle über die Party hatte er ohnehin schon verloren, also konnte er sie genauso gut verlassen und an einem anderen Ort Spaß haben.

Während seiner Abwesenheit stieg die Zahl der Gäste noch einmal sprunghaft an. Malte kam ins Grübeln, ob die öffentliche Facebook-Veranstaltung nicht doch ein Fehler gewesen war. Aber wer konnte schon damit rechnen, dass über 100 Leute unter der Woche in ein abgelegenes Dorf fahren, um dort zu Schlagerhits zu feiern?

Verschwommen nahm er wahr, dass Stephan gar nicht mehr im Raum war. Außerdem wunderte er sich über den ständigen Zustrom von Menschen, die T-Shirts mit der Aufschrift „Partykolonne 2014“ oder „Egal, wie dicht du bist – Goethe war dichter“ trugen. Er kannte niemanden von ihnen, was sein schlechtes Gewissen gegenüber Stephan nur noch verstärkte. Eigentlich wollte er ihm nur beweisen, dass es auch gute Abende in Marelow gab, um ihn wieder öfter herzulocken. Traurig setzte er sich in eine Ecke und beobachtete, wie einer der Partygäste die Wohnzimmertür aus den Angeln hob und sich darauf von den Anderen durch den Raum tragen ließ. Der gleichförmige Rhythmus der Lieder und sein Alkoholpegel ließen Malte müde werden. Nach wenigen Versuchen, die Augen offen zu halten, schlief er ein.

Als er wieder aufwachte, war es draußen schon hell und er neben Benni der einzige Verbliebene im Raum. Sein Kopf fühlte sich an, als ob jemand einen Vorschlaghammer darauf getestet hätte. Vorsichtig richtete er sich auf und schaute sich ungläubig um. Das Wohnzimmer wirkte wie frisch eingerichtet: kein Dreck, keine leeren Flaschen, keine Flecken an der Wand und auch die Tür hing wieder dort, wo sie eigentlich hingehörte.

Auf dem Weg zur Toilette kam ihm Stephan mit gelben Plastikhandschuhen und einem Putzeimer entgegen.

„Hey Malte, ich dachte schon, du wachst nie auf! Haste Bock auf ’ne Kippe mit mir?“

Malte war durcheinander. Hatte er sich alleine weggeschossen und die Party nur geträumt? Wieso war Stephan so nett zu ihm? Er beschloss, diese Fragen bei der angebotenen Zigarette zu erörtern.

„Oh Mann, was war gestern los?“, fragte er, nachdem sie sich auf die Gartenmöbel auf der Terrasse gesetzt hatten. Vor dem Grundstück fuhr ein Traktor vorbei, der Fahrer hupte zum Gruß.

„Das weißt du genau“, antwortete Stephan ernst.

„Ich hab ehrlich jesacht keinen Plan.“

Stephan fing an zu lachen. „Du weißt echt nix mehr? Alter, dit war die geilste Party überhaupt!“

Malte blies seine Erleichterung in Form einer großen Rauchwolke aus. „Und du bist mir nicht böse?“

„Warum sollte ich das sein? Ohne dich hätte ich mich diese Woche verkrochen und sicher nicht einen gewissen körperlichen Ausgleich gehabt. Wenn du verstehst, was ich meine!?“

„Die Kleene oder wat? Glückwunsch Alter!“

Für einen Moment saßen sie ruhig da und beobachten Rudi, wie er in die Ferne sah und den frischen Wind um seine schlaff hängenden Ohren wehen ließ. Malte suchte die richtigen Worte: „Aber die janzen Leute und der Alkohol und so. Das lief doch völlig aus’m Ruder, oder?“

„Ja, eben! Und keinerlei Polizei! Wie geil ist dat denn? Ick wusste gar nich, dass sowas überhaupt noch geht.“

„Kommst du jetzt wieder öfter her?“, fragte Malte schließlich.

„Und ob! Aber nur unter zwei Bedingungen.“

„Die wären?“

„Erstens: Das nächste Mal feiern wir woanders, Putzen nervt. Zweitens: Du lässt dich nicht wieder zur Katze schminken.“

Malte wischte sich über sein Gesicht, seine Finger färbten sich schwarz. Sie schauten sich an und lachten, weil sie ihre Freundschaft wiedergefunden hatten.

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