Die Zeitreise im Fernbus

Der Bus nach Stuttgart fährt erst in 45 Minuten. Ich werde für meine Überpünktlichkeit mit eisigem Wind und einem leeren Handy-Akku bestraft. Der Busbahnhof wirkt wie ein längst vergessener Fernseh-Moderator, der im Dschungelcamp gelandet ist: Er sieht nicht mehr besonders gut aus, erfüllt aber dennoch seine Funktion.

Um mir die Zeit im Warmen zu vertreiben, halte ich Ausschau nach einem Kiosk. Der einzige Laden in Sichtweite scheint allerdings von der Wiederbelebung des Busverkehrs noch nicht Wind bekommen zu haben und ist geschlossen. Durch die Staubschicht auf dem Schaufenster erkenne ich nur leere Regale und ein vergilbtes Werbeplakat für einen Mobilfunkanbieter, der mit einem Handy inklusive ausziehbarer Antenne wirbt. Als ich mich umdrehe, ist die Wartezeitanzeige an meinem Bussteig auf 43 Minuten gesunken.

Außer mir ist der Platz menschenleer. Hinter dem kleinen Bahnhofsgebäude, das offensichtlich nur noch als Graffitifläche genutzt wird, höre ich ein tiefes Lachen. Es klingt, als wäre dieses brummende Geräusch der Freude das Ergebnis jahrelangen Whiskey- und Rauchertrainings. „Irgendwie sympathisch“, denk ich mir und gehe um das verfallene Haus herum.

Am Ende des Hauses ist eine Bank, auf der ein älterer Mann sitzt mit einem Tablet in der linken Hand. Die andere hält eine Schnapsflasche und ein qualmendes Zigarillo fest. Er trägt einen kunterbunten Jogging-Anzug, der seinen modisch bewusst gewählten Abschluss am unteren Ende mit weißen Socken in Badelatschen findet. Beim Lachen sieht es so aus, als versuche sein Körper abzuheben, um es sich nach wenigen Zentimetern in der Höhe wieder anders zu überlegen. In meinen Gedanken entsteht das Bild einer 90er-Version von Forrest Gump und so bemerke ich zunächst nicht, wie er mich zu sich ran winkt.

„Ey, du da, komm doch mal rüber!“, ruft er schließlich und seine Bärenstimme reißt mich aus der Hypnose. Ich zweifle plötzlich, ob es eine gute Idee war, an diesem gottverlassenen Ort einer Trinkerstimme zu folgen. Doch meine guten Manieren kann ich genausowenig wie meine Überpünktlichkeit ablegen, also folge ich seiner Aufforderung und bereite mich gedanklich auf anstrengende 40 Minuten Zuhören vor.

„Hi, ich bin Harry“, sagt der bullige Kerl, stellt die Flasche nebst Zigarillo zur Seite und hält mir seine behaarte Hand zur Begrüßung hin. Er wirkt trotz der bereits zur Hälfte geleerten Flasche stocknüchtern, doch der Geruch aus seinem Mund erzählt eine andere Geschichte.

„Hey, ich bin Christoph“, lüge ich automatisch. Mir ist unwohl dabei, dem Unbekannten irgendeine Wahrheit über mich zu verraten.

„Worüber lachst du denn?“, frage ich, als Harry nach der Begrüßung scheinbar das Interesse an mir verloren hat. Er zeigt auf sein Tablet, wo ich einen Jungen sehe, der in einem Moment der Unachtsamkeit mit seinem Fahrrad direkt gegen eine Laterne fährt. Harry lacht wieder laut und schreckt dabei einige der Vögel hoch, die sich um die Bank tummeln.

„45 Minuten erstklassige Fail Videos. Das ist die beste Compilation ever“, sagt er, als er wieder Luft bekommt.

Ich frage mich, ob die 4 Stunden Schlaf von vergangener Nacht ausreichten oder ich bereits halluziniere, entscheide am Ende, dass es aufgrund meiner Wartezeit aber eigentlich egal ist und setze mich zu ihm. Gemeinsam verfolgen wir die Missgeschicke uns unbekannter Menschen, lachen über deren vermeintliche Dummheiten und scheinen uns gegenseitig sympathisch zu finden.

Nach einer Weile schaue ich auf meine Uhr und mir fällt auf, dass wir bereits 25 Minuten den zunächst verlassen geglaubten Ort mit unserem Gelächter beschallt hatten. Harry linst auch auf mein Handgelenk und schreckt hoch. „Scheiße, schon so spät. Ich muss los“, sagt er, wirft die Schutzklappe über sein Tablet und verschwindet mit seiner Flasche in Richtung Hintereingang des Gebäudes.

„Wo willst du denn hin?“, rufe ich ihm hinterher, während er mit einem Schlüsselband vor der Tür kämpft.

„Ich muss arbeetn Kleener! Bin aber öfter hier, vielleicht klappts ja ma wieder!“

In der Zwischenzeit hat er den richtigen Schlüssel gefunden und ist durch die Tür in das heruntergekommene Gebäude verschwunden. Meinem trägen Gehirn bleibt keine Zeit zum Auswerten der kuriosen Begegnung, denn gut 15 Minuten vor Abfahrt mit einem Fernbus bin ich ohnehin schon zu spät für den Kampf an der Tür um die besten Plätze. Ich schnappe mir meine Tasche und laufe im Eiltempo um das Gebäude.

Offensichtlich ist Sonntag um 7 Uhr nicht die beliebteste Abfahrtszeit unter Busgästen. Am Gleis steht nur ein junges Pärchen mit großen, mindestens 10 Tonnen schweren Rucksäcken, die von Camping-Equipment wie Isomatte und Zelt eingerahmt sind. Als ich an ihnen vorbeilaufe, haben sie die Augen geschlossen und ich glaube den Kerl schnarchen zu hören.

Die Aussicht auf freie Platzwahl im Bus lässt mich durchatmen. Zwar sollte der Bus laut Plan schon seit 6 Minuten hier stehen, doch ich gebe mich heute großzügig. Der kurze YouTube-Ausflug mit Harry hat meine Laune gebessert und ein wenig freue ich mich sogar auf die 10-Stunden-Fahrt zu einem Ort, den ich wohl ohne bestimmte Einwohner nie besucht hatte.

2 Minuten später. Nun werde ich doch nervös. Ich kann mit Unpünktlichkeit nicht umgehen und beginne zu zweifeln, dass die Wahl eines unbekannten Fernbusunternehmens namens ED-Tours eine gute Idee war. Der Preis war jedoch unschlagbar.

Gerade, als ich beginne, mich über meinen Geiz ärgern, taucht wie aus dem Nichts ein großer Bus mit leuchtender Bemalung auf. Er ist so bunt, dass ich unweigerlich an den Jogging-Anzug von Harry denken muss. Meine Augen haben sich während der vergangenen Dreiviertelstunde an das Grau der Umgebung gewöhnt und können die Menge an Farben zunächst nicht verarbeiten. Das Pärchen, das durch das laute Motorgeräusch wach geworden ist, scheint auch daran zu zweifeln, dass sie schon wirklich in der Realität angekommen sind.

Der Bus rollt rückwärts in die Lücke zwischen Gleis 2 und 3, die Fahrertür öffnet sich theatralisch langsam. Nebel und grelle Lichter verdecken den Blick auf den herabsteigenden Fahrer. Im Hintergrund ist ein typischer 90er Jahre Synthi-Keyboard-Intro zu hören und für einen Moment bin ich mir sicher, bei einer DJ Bobo Geheimshow gelandet zu sein.

Aus den Lautsprecherboxen an der Karosserie des Busses dröhnt eine mir irgendwie bekannte Stimme: „Willkommen bei Eurodance Tours. Wo die 90er niemals enden!“

Als sich die Rauchwolke verzieht erkenne ich Harry, der ein Mikro in der Hand hält und mich breit angrinst. „Hey Leute, ich bin heute euer Busfahrer. Die Tickets bitte!“

Ich lasse das Pärchen vor, um ungestört mit ihm reden zu können. Als ich ihm meinen zerknitterten Papierausdruck hinhalte, schlägt er vor, dass ich mich gleich zu ihm nach vorne setzen sollte. Dort ist das WLAN am besten und er würde mir sein Tablet geben, wenn ich weiter Videos schauen will.

Mit einem unguten Gefühl lasse ich mich an dem vorgeschlagenen Platz nieder und schaue nach hinten, um mich zu vergewissern, dass die beiden anderen Fahrgäste nichts von unserer Konversation mitbekommen. Die Sorge ist jedoch unbegründet. Sie sitzen auf der letzten Bank und starren hypnotisiert auf die Discokugel in der Mitte des Busses, die im Dauerbetrieb läuft. Auf den kleinen Monitoren über unseren Köpfen laufen Musikvideos aus einer fast vergessenen Zeit, deren Ton sich über Kopfhörer mittels der Buchse in der Armlehne zuschalten lässt. Mir gefällt das Konzept und ich schwöre mir, endlich wieder mehr Eurodance zu hören.

Als wir uns in Bewegung setzen, lehne ich mich nach vorne zu Harry.  „Bist du sicher, dass du so fahren solltest?“

„Wieso? Stört dich was an meinem Jogginganzug? Das ist erstklassiges Dederon, sowas kannste heute lange suchen!“

„Nein, das meine ich nicht. Du hast doch vorns eine ganze Flasche Schnaps geleert!“

Harry lacht. „Ach Christoph, nichts ist so wie es scheint. Das war alkoholfreier Kräuterlikör. Trinkt sich gut zum Zeitvertreibe.“

Er greift in einen Turnbeutel, der neben seinem Sitz an einem Haken hängt und holt sein Tablet hervor. „Komm Junge, nimm das Ding hier, schau ein paar Videos und genieß die Fahrt. Wir sind schneller da, als du alle Alben von Scooter aufzählen kannst.“

Ich nehme das Gerät, lasse den Sitz nach hinten kippen und beginne, mich durch eine nicht greifbare Zahl von Videos über alltäglichen Schwachsinn zu klicken. Mit einem zufriedenen Grinsen auf dem Gesicht und dröhnenden, monotonen Bässen durch die Kopfhörer auf meinen Ohren schlafe ich ein. Ich fühle mich wirklich, als würden hier die 90er nie enden.

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1 Antwort

  1. bärbel sagt:

    Hallo, du Schreiberling!

    wollte eigentlich meine Bewerbung ausdrucken, da hast du mich mit deiner neuen Kurzgeschichte überrascht- war wieder sehr kurzweilig mit ungewöhnlichem Ausgang- Hoffe, dass Christoph (Eric) gut in Stuttgart gelandet ist, um seinen Kumpel Felix zu besuchen.

    H d g d l herzlichst Mutt

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