Zirkus Libertad

Schleppend bewegte sich die Menschenmasse in Richtung Zirkuszelt. Hier und da scherten ein paar schreiende Kinder aus der Reihe und rannten zu den Ständen mit den Süßigkeiten. Die Eltern hatten große Probleme, ihren Nachwuchs zusammenzuhalten. Manche Kinder schrien, weil sie versehentlich vom falschen Vater mitgenommen wurden und Christin begann daran zu zweifeln, dass ihr solche Ausflüge irgendwann richtigen Spaß bereiten würden. Dabei hatte sie sich als alleinerziehende Mutter mittlerweile so strapazierfähige Nerven zugelegt, das sie nicht einmal ein bis in die Nacht dröhnendes Festzelt vor dem Fenster ihres Schlafzimmers noch stören konnte.

Der Plan für ihr Leben sah eigentlich anders aus. Die Karriere als Rechtsanwältin war wie ein Waschmaschinenprogramm vorgeplant und musste nur noch ausgeführt werden. Sogar ihr Referendariat hatte sie in der Tasche. Doch das Leben liebt die Ironie und veranlasste zur Feier dieses Ereignisses eine Zusammenkunft mit einem Mann, dessen Namen sie nicht mehr weiß. Es trat die kleine Emma auf die Bildfläche und spulte ohne Vorwarnung ihr Programm zum permanenten Schleudergang vor.

Für sie war es ein Schock kurz vor dem ersten Staatsexamen zu erfahren, dass in ihr ein neues Leben heranwächst. Zwar hatte sie sich immer eigene Kinder gewünscht, aber auf ihrer Prioritätenliste fand sich familiäre Verwirklichung deutlich hinter Karriere. Die Tage, die sie eigentlich intensiv dem Lernen hätte widmen sollen, waren auf einmal für den Kampf ihres Gewissens reserviert. Immer wieder schwebte das große und schwere Wort „Abtreibung“ über ihrem Kopf, wie eine dunkle Wolke, die das Sonnenlicht stiehlt. Sie hatte sich schließlich dagegen entschieden und jeder Moment mit Emma bestätigt ihre Entscheidung immer wieder aufs Neue.

Kurz vor dem Zirkuszelt bogen die beiden zum Imbiss ab. Christin knurrte der Magen und die Aussicht auf eine zweistündige Vorstellung ließ sie die überteuerten Essenspreise vergessen. Außerdem hoffte sie, einen Blick auf die Tiergehege werfen zu können, doch sie konnte einfach keine entdecken. Das riesige Zelt schien sie zu verbergen.

Da die anderen Besucher nur auf Süßigkeiten aus waren, wurde sie sofort bedient. Als Vegetarierin rechnete sie bei einer solchen Veranstaltung mit dem Schlimmsten und sagte direkt: „Ich nehm einfach irgendetwas ohne Fleisch.“

„Also alles auf unserer Karte?“, fragte die Verkäuferin mit einem Grinsen zurück, während sie sich langsam von ihrem Campingstuhl erhob. Sie trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „Friends – Not Food“, darüber war ein grinsendes Comic-Schwein zu sehen.

„Oh, äh…“, stotterte Christin zurück und wurde rot im Gesicht. „Tschuldigung! Dann nehme ich zwei vegetarische Hot Dogs.“

„Sie müssen sich nicht entschuldigen. Stellen Sie sich erstmal die Gesichter der Leute vor, die sich auf eine richtige Bratwurst freuen“, sagte die Verkäuferin und reichte das Essen über die Theke. „Viel Spaß bei der Vorstellung!“

Christin bedankte sich. Mit der einen Hand jonglierte sie umständlich die zwei Hot Dogs, mit der anderen führte sie ihre Tochter zum Zelt. Der Geräuschpegel hatte bereits ein gesundheitsgefährdendes Level erreicht. Kinder schrien aufgeregt ihre Beobachtungen den daneben sitzenden Eltern in einer Frequenz zu, die selbst Fledermäusen zu hoch wäre.

Etwas weiter hinten im Zelt fanden die beiden einen ruhigeren Platz und widmeten sich zunächst ihren Hot Dogs. Emma traf kaum ihren Mund, da sie zu sehr beschäftigt war, ihre Umgebung zu studieren. Die Manege hatte es ihr besonders angetan. Sie schaute sich jeden Scheinwerfer und jede bunte Plane genau an. Christin hätte ihr stundenlang dabei zusehen können und merkte nicht, dass sie sich gerade ihr Kleid mit Ketchupflecken dekorierte. Erst als Emma sich zu ihr rumdrehte und mit erschrockenem Blick fragte, ob sie bluten würde, fielen ihr die neuen roten Punkte auf. Während sie noch versuchte, mit einem Taschentuch die schlimmste Sauerei zu entfernen, wurde es auf einmal dunkel im Zelt und laute Musik ertönte.

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kinder. Willkommen im Zirkus Libertad“, sagte eine tiefe Stimme durch die Lautsprecher. Dann öffnete sich der Vorhang am Ende der Manege und eine schier nicht enden wollende Schar an Akrobaten und exotischen Tieren begann ene Begrüßungsrunde durch die Manege. Selbst die anfangs lautesten Kinder schienen nun völlig betäubt von der gebotenen Vielfalt zu sein.

Christin beschlich trotz der bunten Gute-Laune-Show ein schlechtes Gefühl. Sie macht sich eigentlich nicht viel aus Tierrechten. Doch die Behandlung der Tiere, der Stress des dauernden Herumreisens und die Vereinsamung sonst so stolzer Wesen war nicht das, was sie sich unter einem schönen Tierleben vorstellte. Allerdings war jede Freundin von Emma aus dem Kindergarten hier gewesen und ihre Tochter lag ihr so lange in den Ohren, bis sie schließlich eingewilligt hatte. Manchmal lässt Bequemlichkeit die höchsten Ideale vergessen.

Die Show begann mit einem kleinen Elefanten, der sich vom Dompteur durch die Manege führen ließ und verschiedene Kunststücke zeigte. Die Bewegungen wirkten auf Christin irgendwie hölzern, die Kinder hingegen waren völlig gefesselt von der bloßen Präsenz des Tieres. Mit seinem Rüssel streichelte der graue Dickhäuter behutsam durch die Dreadlocks des Dompteurs, der daraufhin den Erschreckten spielte und sich umschaute.

Die Slapstickeinlage kam gut an und rief schallendes Gelächter unter den Zuschauern hervor. Alle klatschten und trampelten mit ihren Füßen auf dem provisorischen Holzboden. Statt Angst aufgrund der plötzlich angestiegenen Lautstärke zu zeigen, stellte sich der offensichtlich noch sehr junge Elefant auf seine Hinterbeine und klatschte mit den Vorderbeinen zurück. Das Publikum wurde nochmal lauter.

Im Verlauf des weiteren Programms schien ein noch nie dagewesener Höhepunkt den nächsten zu jagen. Ein Tiger ohne Käfig machte eine Vorwärtsrolle, ein Lama spuckte mehrere Male knapp an einem Gast auf einer großen runden Scheibe vorbei, ein Gorilla machte Breakdance zur Musik der Bomfunk MCs und zum krönenden Abschluss balancierte eine Giraffe auf einer Slackline. Die Unterhaltung riss alle Anwesenden mit. Selbst Christin konnte sich nicht mehr entziehen und klatschte unaufhörlich, bis ihr die Hände wehtaten.

Sie redete sich ein, dass die Tiere ihre Anerkennung spüren würden und dass es wenigstens eine Möglichkeit war, das Leiden im täglichen Zoogeschäft zu lindern. Noch nie hatte sie solche Reaktionen von Tieren auf eine begeisternd jubelnde Menge gesehen. Es war, als würde sie durch die Augen angelächelt und das ließ sie ihre Ablehnung gegenüber Zoos schließlich vollkommen vergessen.

Zum „Grande Finale“, wie es der immer noch nicht sichtbare Moderator ankündigte, erschienen wieder alle Tiere in der eigentlich viel zu kleinen Manege. Doch weder der Tiger schien sich um die nahegelegene Möglichkeit frischen Giraffenfleisches zu scheren, noch war irgendeines der anderen Tiere unruhig. „Unfassbar, wie diszipliniert die Tiere sind“, dachte sich Christin.

Die Masse jubelte und die Tiere verbeugten sich. Hätte das Publikum Blumen gehabt, wäre der Boden der Manege in wenigen Sekunden damit bedeckt gewesen. In die frenetischen Jubelschreie schnitt das Räuspern des Moderators durch die Boxen. Es dauerte etwas, bis sich auch die letzten kreischenden Kinder beruhigt hatten.

„Einige von ihnen werden sich sicher schon gefragt haben: Wer ist eigentlich dieser Typ, der hier die ganze Zeit moderiert? Nun kann ich ihnen verraten: Ich stehe direkt vor ihnen.“ Eltern und Kinder begannen mit ihren Augen nach dem Moderator zu suchen, als könnten sie nun plötzlich einen Menschen mit Mikrofon vor sich erkennen, der vorher nicht zu sehen war.

Der Gesuchte ließ noch ein paar Sekunden der Spannung verstreichen, bis er schließlich laut rief: „Törööö!“ Irritierte Blicke wanderten zum kleinen Elefanten, der sich wieder auf seine Hinterbeine stellte, mit beiden Vorderbeinen nach seinem Kopf griff und diesen einfach abzog. Darunter kam das Gesicht eines jungen Mannes zum Vorschein, der mit einem breiten Grinsen und einigem Schweiß auf der Stirn die Gäste des Zirkus begrüßte.

Die anderen „Tiere“ folgten dem Beispiel des Zoodirektors und entledigten sich ihrer Masken. Die Giraffe legte ihren kompletten Hals ab und zum Vorschein kam eine junge Frau mit langen, blonden Haaren, der Tiger entpuppte sich als grauhaariger Mann und unter dem Fell des Gorillas verbarg sich die Imbissverkäuferin, die sich auf ihren Kopf stellte und mehrere Runden drehte.

Die Zuschauer klatschten, manche riefen vor Begeisterung, aber im Vergleich zu den Jubelstürmen während der Vorstellung war es deutlich ruhiger. Die Verwunderung über das Outing war bei allen zu spüren.

„Wir wissen, dass Sie wahrscheinlich hergekommen sind, um sich von echten Tieren unterhalten zu lassen“, erklärte der Direktor schließlich. „Wir lehnen das allerdings ab, denn kein Tier will ein Leben in kleinen Käfigen und unter permanenten Stress führen. Freiheit sollte nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere gelten!“

Einige Menschen im Publikum äußerten lautstark ihre Zustimmung, während andere kopfschüttelnd dabei waren, von ihren Plätzen aufzustehen. „Haben Sie keine Angst. Wir wollen niemanden überzeugen, sondern nur zeigen, dass es nicht notwendig ist, Tiere für unsere Unterhaltung zu quälen. Und, ich frage jetzt vor allem unsere kleinen Gäste: Hattet ihr Spaß?“

Das Feedback war beeindruckend. Die Kinder schrien wie am Spieß und klatschten so laut, wie es nur ging. Die kopfschüttelnden Erwachsenen waren nun wie versteinert, als ob ihnen der Umgang mit der Begeisterung für die stattgefundene Verarschung unmöglich wäre. Christin grinste und schrie mit Emma um die Wette.

Auf dem Weg aus dem Zirkuszelt konnten die beiden lange Schlangen am vegetarischen Grillstand sehen. Sie winkten noch kurz der Verkäuferin, die sich trotz der Masse kleiner hungriger Mäuler nicht aus der Ruhe bringen ließ. „Das ist der beste Zirkus der Welt“, sagte Emma und Christin spürte, dass sie alles richtig gemacht hatte.

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